Gaffer

“Die nachfolgenden Zeilen haben sich die Aufgabe gestellt, in hermeneutischer Absicht den Zusammenhang zwischen einer individuell begründeten Analyse gesellchaftlicher Tatbestände und diskreter, durch die Statistik verifizierbarer Daten im Licht historischer Konstellationsoptionen darzustellen…”  (aus: Tilman Spengler “Wahr muss es sein, sonst könnte ich es nicht erzählen. 30 Glücksfälle der Weltliteratur. List Taschenbuch Berlin 2012)

In den Studienbüchern standen häufig solche und ähnlich wissenschaftlich verschraubte Ausgedachtserviersätze. Hirnwixerei, fiel mir dazu ein. Und als ich den verehrten Kunstprof während einer Studienreise in der All-you-can-Drink-Bar in Paris heulend mit dem klugen Kopf auf dem Tisch vorfand, verloren sämtliche Schraubesätze ihre vorher angestrengt bewunderte Wirkung.

Der Nachbarswinzer hat an seinem Auto ein lustiges Schild angebracht. Wie bei manchem “Arzt” steht bei ihm nun “Woibauer”.

Die umliegenden Weinberge liegen mit verblassten Leuchtblättern in kaltem Woinebeldunst.

Eine Autorin, die in einem Zehn-Seelen-Ort im Kanadawald lebt, hat ein wunderbares Buch geschrieben über drei alte Männer, die sich ebenfalls in die Wälder zurückgezogen haben. Und was passiert, als sich zwei ebenfalls freiheitshungrige Frauen zu ihnen begeben, eine jüngere Fotografin und eine zarte, eigensinnige Zweiundachtzigjährige. Bin erst auf Seite 26 – aber HALLO!

Jocelyne Saucier: “Ein Leben mehr”. Insel Berlin 2015

 

“Von vielen Frauen erwarte ich mir schon mehr, ehrlich. Die sitzen fettarschig und verweigernd in ihren entwicklungsverhindernden Reihenhausgräbern, verwechseln Zickigkeit mit Anstand, Keifen mit Emanzipation und dümpeln in ihrer christlichen Universalneurose, maulaffenfeilhaltend vor sich hin.

Die sind nicht das schwache Geschlecht, sondern das lasche Geschlecht!

Solche Frauen haben ein Rückgrat wie eine Nacktschnecke.”

(Lisa Fitz. In: In der Gosse wirst du landen. Porträts von Frauen, die aus der Reihe tanzen. Giela Reinke-Dieker und Sabine Sehnen. Verlag eFeF Wettingen 2001)

Tapas

“Was wissen die, was die anderen, die sich immer wieder Neubeginne zumuten, nicht wissen?

Ganz einfache Dinge vielleicht? Daß, wer jung ist, alt werden wird und wer alt ist, jung war? Daß alle Seinszustände im Menschen drin sind und ein Recht auf Neugier haben? Daß man ein Leben nicht glattwalzen kann, immer von neuem, wie einen Strand, bevor die Gäste kommen?”

(Eva Demski. In: In der Gosse wirst du landen. Porträts von Frauen, die aus der Reihe tanzen. Giela Reinke-Dieker und Sabine Sehnen. eFeF Verlag, Wettingen/Schweiz. 3. Auflage 2001)

Tapete

In dieser Vorstellung wurde heftig geraucht, in echt. Seit längerer Zeit mal wieder im Theater – siehe Link im ersten Kommentar.

Schon bei der Einfahrt in die Hessische Landeshauptstadt spürt man einen gewissen Flair sobald man in die Nähe von Theater, Kuranlagen, Spielcasino kommt. Eine frühere Kollegin – die mit der Grünkreidenallergie – erledigte ihre Einkäufe nur in Wiesbaden. Wovon sie spitzmündig vornehm leise erzählte. Sie las mit Hauptschulklassen Stefan Zweig, wobei vorher alle Tische feucht gewischt werden mussten. Sie trug stets zwei- bis dreifarbige, teuer aussehende Ballerinas und hatte an den gepflegten Fingernägeln winzige Glöckchen.

An sie dachte ich in Theaternähe, beim Anblick der Luxusläden und der anderen Theaterzuschauer, die sich im gemeinsamen Foyer von großem und kleinem Haus ergingen. Besonders im Visier hatte ich ältere Damen, und, was soll ich sagen: Juwelen dieser Spezies vorhanden. Besonders das elegante Schuhwerk, oder diese eine Madame mit ihrem schwarzen Tellerhütchen, keck irgendwie am grauen Vornehmhaar befestigt.

Man kam rein und befand sich sogleich wie mitten in einer swingenden 50-er Jahre Party. Das ganze Stück strotzte nur so vor Spielfreude der Schauspieler. Den schnippsigen Zigarettenrauch konnte man ab und zu riechen. Die infame Gesellschaft gefiel mir ganz besonders, wenn die Frauen sich gegenseitig umwarfen, tobten und schrien – herrlich!

Denkwürdig, erhellend, was Besonderes, Kontrastprogramm zum Nebelwindweinbauerngraupelschauerdorf.

Tageslicht

 

In einem Wirrwarr von Laken

und Vorahnung die Augen

aufgetan,

Gardinen geöffnet und Radio an,

war plötzlich,

ganz klar zu verstehen,

Scarlatti dran:

Da nun alles ist wie es ist geworden

da nun alles ist wie es ist,

kommt alles, obwohl, vielleicht

obwohl, schließlich noch in Ordnung.

 

(Judith Herzberg. In: “Neue Freuden, neue Kräfte”, Ermutigungen. Hrsg. Herbert Schnierle-Lutz. Insel Verlag Berlin 2013)

Personal

Diesen guten Satz von J.H.Pestalozzi las ich bei https://roswithageisler.wordpress.com :

Wer es in etwas, sei es noch so gering, zur Vollkommenheit bringt, der ist für sein Leben geborgen.

Für meine Topflappenhäkelei, die demnächst wieder aufflammt, nehme ich mir das gerne an. Ob es auch beispielsweise für Bombenbauer gilt oder für Foltermethodentüftelei?

An derartige Unmenschlichkeiten hat der liebe Herr P. sicher nicht gedacht.

?

Roswitha zeichnet für mich beispiellos wunderbar – habe zwei Zeichnungen von ihr gerahmt und übern Esstisch gehängt: Bob Dylan und Jimi Hendrix.

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