Ein anderes Russland ist möglich – Der Westen ist so tief in Putins System verstrickt wie die Russen selbst. Diese Einsicht muss den Anfang machen

Putins Machtkartell ist nicht plötzlich entstanden – er hat dafür jahrelang die globalen Eliten korrumpiert. Das ist ihm gelungen, weil er allzu gut verstanden hat, wie die moderne Welt funktioniert.

Grigori Judin
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Ohne den grossen Putin scheint gar nichts zu gehen. Strassenbasar in Kaschira nahe Moskau.

Ohne den grossen Putin scheint gar nichts zu gehen. Strassenbasar in Kaschira nahe Moskau.

Maxim Shemetov / Reuters

Ich stehe in einem modernen Wagen der Moskauer Metro und lese auf meinem Smartphone Prognosen von Militärexperten zum Kriegsverlauf. Da tritt ein junger Mann an mich heran und sagt verlegen «Danke». Seit Kriegsbeginn passiert mir das regelmässig.

Ich bin Wissenschafter, und mein Alltag spielt sich normalerweise zu Hause am Computer ab. Ich gehe nicht besonders viel raus, in den letzten Monaten noch weniger als sonst. Aber seit dieser Krieg herrscht, kommen ausnahmslos jeden Tag fremde Menschen auf mich zu und bedanken sich. Und zwar egal, wo ich mich aufhalte – ob in Moskau oder Wien, in Erewan oder Berlin. Wofür sie sich bedanken? Schlicht und ergreifend dafür, dass ich mich gleich zu Beginn öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen habe.

Das Ganze fühlt sich seltsam an: als wäre man Mitglied eines unsichtbaren Ordens, einer riesigen, lautlosen Widerstandsbewegung, die auf ihren Moment wartet. Unerwartet zeigt sich mir, was viele um mich herum nicht ahnen: dass sie nicht allein sind. Dass da viele sind, die ihren gesunden Menschenverstand, ihr Mitgefühl und das Verantwortungsbewusstsein für ihr Heimatland nicht verloren haben. Doch sie kommen einzeln auf mich zu, sagen das Wort «Hoffnung» und gehen wieder weg, finster und resigniert.

Eine unbezwingbare Macht

Ich kenne dieses Leiden nur zu gut – es heisst Atomisierung. Wenn zwischen uns alle Verbindungen gekappt sind, wenn man sich in jeder Runde dumm und ungelenk darin vorkommt, über «gefährliche Themen» zu sprechen, wenn das Einzige, was man über seine Nachbarn weiss, aus sozialen Umfragen kommt – dann fühlt man sich umgeben von einer feindlichen, abgestumpften und verbitterten Masse. Du kannst darin aufgehen und dich auf ihre Stärke stützen. Oder du kannst dich von ihr distanzieren und dir überlegen und kultiviert vorkommen. Du kannst allen Mut zusammennehmen und dich ihr widersetzen. Aber du kannst unmöglich mit ihr reden, ihr widersprechen. Sie wird dich sowieso unter Druck setzen. Wird heranrollen und dich bedrohen. Sie wirkt wie eine unbezwingbare Macht – obwohl es sie gar nicht gibt.

Jeden Tag erreichen mich neue Nachrichten von Journalisten aus der ganzen Welt, die alle dasselbe wissen wollen: Wie kann es sein, dass über 80 Prozent der Russen diesen Krieg unterstützen? In ihrer Frage höre ich Erstaunen und Empörung: Sie sehen genau diese beängstigende Masse vor sich, brutale, grausame Russen, eine einzige Horde von Mördern, Dieben und Vergewaltigern. Ich fange an, eine Antwort ins Telefon zu tippen: «Wissen Sie, so funktioniert das nicht. Wenn Wladimir Putin am 24. Februar erklärt hätte, dass er aus wichtigen sicherheitspolitischen Erwägungen die Gebiete der Volksrepublik Donezk und der Volksrepublik Luhansk an die Ukraine zurückgibt, wäre die Zustimmung genauso hoch gewesen . . .» Ich drücke dem Fremden die Hand, die er mir entgegenstreckt, und schaue mich im Wagen um, versuche unwillkürlich, die aus der Ferne gestellte Frage des Journalisten auf die Passagiere zu projizieren.

Ich möchte dem Journalisten gerne so antworten, dass er seinen Lesern nicht erklären muss: «Sehen Sie, die Russen sind eben ganz anders als wir.» Denn das ist nicht wahr. Um zu verstehen, wie die Russen ticken, muss man sich nur anschauen, wie ein Gerhard Schröder, ein François Fillon oder eine Karin Kneissl ticken. Sie sind keine blutrünstigen Mörder, und sie wünschen dem ukrainischen Volk kein Leid. Viele wollen, dass der Krieg so schnell wie möglich vorbei ist und das «normale Leben» wieder beginnt – ein Leben, in dem sie gut verdienen und angesehen sind.

Herren dieser Welt

Zu unser aller Bedauern haben die Russen nichts besonders Bösartiges an sich, denn dann würde es ausreichen, sie einfach zu isolieren, eine hohe Mauer zu bauen und den Planeten sicher vor ihnen zu schützen. Leider sind nicht die Russen das Problem. Das Problem ist, dass Wladimir Putin allzu gut verstanden hat, wie die moderne Welt funktioniert – er hat die Schwächen und Hebel erkannt, die man bedienen muss, um sie zu lenken. Die Gesellschaftsordnung, die er in Russland aufgebaut hat, ist eine radikale Version des modernen neoliberalen Kapitalismus, in dem die Gier herrscht, in dem das Mass aller Dinge der persönliche Wohlstand ist – und Zynismus, Ironie und Nihilismus das rettende Gefühl von leichter Überlegenheit verleihen.

Putin ist nicht plötzlich aus den sibirischen Wäldern aufgetaucht – er hat jahrelang die globalen Finanz- und Polit-Eliten korrumpiert. Seine Oligarchen haben so lange auf der ganzen Welt zügellosen Luxus und Schmeicheleien genossen, bis sie allen Grund hatten, sich als die Herren dieser Welt zu fühlen. Putin hat derart erfolgreich die Politiker Dutzender Länder pervertiert, indem er sie in seine Aufsichtsräte setzte und offenkundig blutiges Geld mit ihnen teilte, dass er allen Grund hat, sie als Schwächlinge zu betrachten. Putin hat den Russen dasselbe Prinzip angeboten, das die Starken dieser Welt so gut verinnerlicht haben: «Wenn ihr etwas mit Geld nicht erreichen könnt, habt ihr einfach nicht genug geboten.»

Meine Auslandskorrespondenten fragen sich, wie die Russen bloss so «propagandaverblödet» sein können. Aber ich schaue mich um und sehe überhaupt keine Idioten. Stattdessen sehe ich einen Haufen Leute, die die wichtigste Lektion gründlich verinnerlicht haben: Versuch gar nicht erst, Putin zu widersprechen, diese Welt ist sowieso so angelegt, dass sie immer gewinnt.

Ich sehe jene Menschen, die versucht haben, die derzeitige Katastrophe abzuwenden, die ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt und jedes Mal gesehen haben, dass Putins Geld alles entscheidet. Dass Putin nach jedem niedergeschlagenen Aufstand neue Milliardenverträge abschliesst, seine Oligarchen noch reicher werden und seine «europäischen Freunde» neue Posten in neuen Aufsichtsräten besetzen. Dass die internationalen Technologieriesen für ihre Gewinne auf dem russischen Markt zu jeglichen Konzessionen bereit sind – angefangen bei Google, das bereit ist, physische Bedrohungen durch russische Geheimdienste gegen sein Topmanagement zu verschweigen, bis hin zu Nokia, das Putin geholfen hat, ein System zur totalen Überwachung seiner Gegner zu erschaffen.

Immer wieder von neuem haben diese furchtlosen Russen von vorn angefangen – sie führen seit langem Krieg gegen Putin, nur ohne Panzerabwehrlenkwaffen und Haubitzen. Und jedes Mal haben sie aufs Neue gehört: «Euch wird sowieso niemand helfen, Putin hat alle gekauft.» Und mittlerweile glauben das tatsächlich viele.

«Russland und Belarus entschlüsseln»

ABn. · Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes «Dunkle Zeiten, helle Nächte» des Goethe-Instituts in Kooperation mit der Plattform dekoder.org – «Russland und Belarus entschlüsseln». Für diese Reihe wurden Autoren, Filmemacher und Medienschaffende in Russland und im Exil eingeladen, den neuen Alltag seit dem 24. Februar 2022 zu dokumentieren und zu reflektieren.

Meine Freunde, die in internationalen Konzernen arbeiten, erzählen mir oft, wie ihre Geschäftsführer auf den Krieg reagieren. Nämlich gar nicht – darüber wird kein Wort verloren. Allgemeinen Unmut hingegen rufen die berühmt-berüchtigten Sanktionen hervor, die sie dazu zwingen, durch eigenes Handeln ihre reichen Erträge aus dem russischen Markt zu begrenzen. Und während man diese Unzufriedenheit in amerikanischen und britischen Firmen verbergen muss, um die globale Führungsriege nicht zu verärgern, sagen deutsche und vor allem französische Firmen ziemlich unverblümt, dass sie nicht verstünden, was sie mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben und wieso sie deswegen finanzielle Einbussen hinnehmen sollen.

Wann Hoffnung keimen kann

Im Interview mit dem «Spiegel» sagt der deutsche Kanzler Olaf Scholz, dass Mascha Gessens Buch «Zukunft ist Geschichte» (2017) sein Verständnis von Russland beeinflusst habe. Dieses Buch führt auf mehreren hundert Seiten beharrlich einen Gedanken aus: Russland wird sich nie ändern, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind totalitär, und jeder Versuch, dagegen anzukämpfen, ist vergeblich. Wladimir Putin und seine liberalen Kritiker haben sich längst genau darauf geeinigt: Russland wird sich niemals ändern. Scholz macht auf mich den Eindruck eines Menschen, der von dieser Angst vor den Russen eingeschüchtert ist, dieser Angst vor einer wilden Horde, mit der man sowieso nie fertigwerden wird.

Noch einmal sehe ich mich in meinem Moskauer Metrowaggon um. Schwere Blicke, starr auf die Fenster oder den Boden gerichtet: Die Russen lächeln bekanntlich nicht gern. Hoffnung wird hier erst aufkeimen, wenn die Welt zugibt, dass Wladimir Putin und sein Krieg das unausweichliche Ergebnis der gesamten globalen Entwicklung der letzten zehn Jahre sind. Erst wenn die globale Wirtschaft sich für das Leben der Ukrainer verantwortlich fühlt und nicht nur für die Dividenden ihrer Aktionäre. Erst wenn die Welt versteht, dass wir alle in diesem Waggon der Moskauer Metro sitzen. Und erst wenn Kanzler Scholz daran glaubt, dass ein anderes Russland möglich ist.

Grigori Judin ist Professor und akademischer Leiter des Studiengangs Politische Philosophie an der Moscow School of Social and Economic Sciences. Er beschäftigt sich mit politischer Theorie der Demokratie, insbesondere mit Meinungsumfragen als Technologie der Repräsentation und des Regierens. Judin schreibt als Kolumnist für führende russische Medien wie «Republic» und «Projekt». – Aus dem Russischen von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer.

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