
Letzte Woche hab‘ ich Euch gezeigt, was ich alles ich beachte, um die richtige Größe für ein gekauftes Schnittmuster zu ermitteln und die Passform weitestgehend einschätzen zu können, damit mein Nähprojekt am Ende keine große Passformüberraschungen enthält. Darüber hinaus, kontrolliere ich manchmal meine Größe auch direkt am Schnitt, z.B. bei mir noch unbekannten Schnittmusterlabels oder wenn ich z.B. zwischen zwei Größen liege und unsicher bin. Da ich oft Fragen bekomme, wie ich das genau mache, steht dieser Post schon sehr lange auf meiner To-do-Liste. Heute ist es soweit!
Ganz am Anfang meiner „Nähkarriere“ war ein Schnittmuster für mich einfach ein abstraktes Stück Papier, das ich als Schablone für Kleidungsstücke nutzte und wenn ich Glück hatte, passte am Ende alles oder eben nicht. Bei Letzterem pfefferte ich es einfach in die Ecke oder probierte das fertige Stück anzupassen. Ich wusste zwar, dass der Papierschnitt die flache Abbildung von den jeweiligen Teilen des Körpers ist und dass sich alle Informationen über Merkmale wie Rundungen und Maße, auf diesem Stück Papier befinden. Aber ich wusste nicht wirklich, WO. Wie und wo konnte man diese Informationen denn bitte genau ablesen?
Lasst uns so ein Schnittmuster doch mal kurz analysieren: Welche Informationen gewinnt man daraus? Welche Stellen des Körpers sitzen auf welcher Höhe eines Schnitteiles? Und wie kann an aus einem vorliegenden Schnittteil die Weite und Länge ausmessen und mit den eigenen Maßen vergleichen?
Ich finde es einfach wichtig, das erst einmal zu verstehen, damit daraus weitere Änderungsmaßnahmen gezogen werden können. Deswegen schauen wir uns nur die Merkmale des Schnittes an, und was wir aus einem Schnitt ablesen können. Es geht es heute nicht um die Änderungsmöglichkeiten eines Schnittes, sondern ich setze einen Schritt füher an. Das Thema Schnittanpassung ist dann nämlich noch einmal ein Thema für sich.
Beispiel: Schnittmuster Oberteil mit Abnähern
Schauen wir uns ein Schnittmuster für ein einfaches tailliertes Oberteil mit Brustabnähern als Beispiel einmal an.
Ein Schnittmuster für ein Oberteil besteht meist hauptsächlich aus 3 Schnittteilen + 2 Schnitteilen für Belege:
- Vorderteil (wird 1x im Stoffbruch zugeschnitten)
- Rückenteil (wird 1x im Stoffbruch zugeschnitten)
- Ärmel (werden 2x spiegelverkehrt zugeschnitten)
- Beleg Vorderteil (wird 1x im Stoffbruch zugeschnitten)
- Beleg Rückenteil (wird 1x im Stoffbruch zugeschnitten)
Wir konzentrieren uns im Folgenden auf Vorder- und Rückenteil, sowie Ärmel.
Welche Informationen befinden sich auf dem Vorder- und Rückenteilschnitt?
Schnittform
Die Schnittmuster für ein Vorder- und Rückenteil bestehen üblicherweise aus einem halben Schnitt des Oberkörpers. Der Schnitt wird im Stoffbruch zugeschnitten und so ergibt sich die zweite Hälfte des Oberteils durch Spiegelung. Das Verfahren kommt aus der Industrie und spart Zeit beim Zuschnitt.
Abnäher, was bedeuten sie?
Wann immer sich Abnäher auf dem Schnitt befinden, bedeutet das, dass sich an dieser Stelle des Körpers eine Rundung befindet und Stoff weggenommen werden muss, damit sich der Stoff an diese Rundung anpasst: es muss also Mehrweite reduziert werden. Die Spitze von Abnähern richten sich dabei immer zum höchsten Punkt auf einem Körper.
Bei einem Vorderteil ist dieser höchste Punkt die Brustspitze. Abnäher vorne können je nach gewünschtem Design an verschiedenen Stellen eines vorderen Schnitts platziert worden sein, die Abnäherspitze zeigt immer in Richtung der Brustspitze. Dabei ist die eigentliche Brustspitze je nach Cupgröße, die als Referenzgröße für diesen Schnitt verwendet wurde, 1 – 4 cm von der Spitze des Abnähers entfernt. Manche Schnittmuster enthalten dort, wo sich die Brustspitze befinden soll, ein Zeichen in Form eines Kreises mit einem Kreuz darin. Dann ist es einfach die Brusthöhe zu ermitteln. Ansonsten muss die Höhe durch Messen ermittelt werden (dazu später).
Abnäher im Rückenteil enden mit der Spitze immer an den Schulterblättern. Da Schulterblätter nicht wie die Brust nur eine Spitze haben, sondern eher ein langes Dreieck bilden, kann es sowohl Schulterabnäher geben, die mit der Spitze an den oberen höchsten Punkt treffen oder Taillenabnäher, die von unten auf die untere Spitze der Schulterblätter treffen.
Passzeichen
Die Passzeichen auf einem Schnittmuster sind oft als kleine Striche oder Dreiecke zu erkennen und zeigen, wo bestimmte Punkte beim Nähen aufeinander treffen müssen. Das ist zum Beispiel bei Rundungen hilfreich, wenn man das Armloch und die Armkugel des Ärmelschnittes aneinandernäht. Die Vorderseite eines Ärmels besteht dabei meist aus einem einzelnen Passzeichen, die Rückseite aus zwei Passzeichen.
Aber sie zeigen auch die Höhe von Körperpunkten an, beispielsweise die Taillenhöhe bei Oberteilen und Kleiderschnitten, oder die Hüft- bzw. Kniehöhe bei Hosen und Röcken.
Armausschnitte
Armausschnitte beim Vorder- und Rückenteil sind häufig unterschiedlich groß. Der hintere Armausschnitt ist etwas größer als der vordere Teil, weil sich durch die Schulterblätter hinten eine Rundung bildet und mehr Bewegungsfreiheit benötigt wird. Die Seiten des Armausschnittes unter dem Arm beginnen aber immer auf der gleichen Höhe.
Taille
Das Vorder- und Rückenteil hat oft im Bereich der Taille einen kurzen Strich auf der Seitennaht, ein Passzeichen, damit man weiß, dass die beiden Seiten beim Nähen an dieser Stelle zusammengenäht werden müssen. Das Passzeichen ist aber gleichzeitig auch die Stelle, an der sich die Taille befindet. Befindet sich kein Passzeichen an dieser Stelle, ist es bei einem taillierten Schnitt die schmalste Stelle. Handelt es sich um keinen taillierten Schnitt, muss die Höhe der Taille durch abmessen auf dem Schnitt ermittelt werden.

Welche Informationen lassen sich daraus für die Ermittlung der Größe ziehen?
Ein Schnitt des Vorder- oder Rückenteils bildet also immer die Hälfte eines Körpervorder- oder Rückenteils ab. Je nach gewünschtem Design können Vorder- und Rückenteil unterschiedlich oder aber auch gleich breit sein. Möchte man wissen, wie weit das fertige Kleidungsstück wird, addiert man jeweils die Breite der beiden Schnittteile an einer relevanten Stelle (z.b. Brust-, Taillen- oder Hüfthöhe), zieht die Nahtzugabe (wenn im Schnitt enthalten) und ggf. Abnäherbreite an dieser Stelle ab und verdoppelt diesen Betrag. Dann ergibt sich das Umrissmaß des fertigen Kleidungsstücks an dieser relevanten Stelle. Dieses Maß lässt sich mit den eigenen Körpermaßen vergleichen. Da in ein Kleidungsstück für die Bewegungsfreiheit Mehrweite eingeplant wird, ist es normal wenn die ermittelte Größe 6 bis 7 cm weiter ist als die Körpermaße.
An welchen Punkten orientiere ich mich wenn ich meine Maße mit denen des Vorder- und Rückenteils vergleichen möchte?
Nehmen wir an, Du willst folgende Maße kontrollieren:
- Brustumfang
- Taillenumfang
- Hüftumfang
Zu 1. Brustumfang vergleichen:
Vorderteil:
Um Deinen Brustumfang mit den Maßen am Schnitt zu vergleichen, musst Du wissen, auf welcher Höhe sich die Brustspitze auf dem Schnitt befindet. Bei einem Brustabnäher, der seitlich unter dem Arm in Richtung Brust geht, ist das einfach, da der Abnäher auf der gleichen Höhe ist wie die Brustspitze.
Willst Du aber noch kontrollieren, ob die Brusthöhe im Schnitt auch mit Deiner Brusthöhe übereinstimmt, oder falls der Abnäher auf einer anderen Stelle als auf Brusthöhe sitzt z.B. auf der Taille, musst Du herausfinden, wo sich Deine Brusthöhe auf dem Schnittmuster befinet.
Dazu brauchst Du Deine Maße für die Brusthöhe (Wie Maße abgenommen werden , habe ich letzte Woche ausführlich erklärt). Hierzu misst Du mit dem Maßband von Deinem Schulterpunkt am Halsausschnitt herunter bis zur Brustspitze. Auf dem Schnittmuster setzt Du das Maßband ebenfalls an diese Stelle an und misst senkrecht herunter. Markiere den Brustpunkt auf dem Schnittmuster mit einem Kreuz.
Auf dieser ermittelten Brusthöhe misst Du von der vorderen Mitte bis zur Seitennaht. Notiere Dir die Zahl.
Wo finde ich die Brusthöhe auf dem Rückenteil des Schnittmusters?
Um herauszufinden, wo sich die Brusthöhe auf dem Rückenteil befindet, ziehe eine Linie die Senkrecht von der vorderen Mitte zur Seitennaht verläuft. Der Abstand den das Armloch zu dieser Linie hat, markierst Du auf dem Rückenteil, das ist die Brusthöhe dort. Miss auch hier die Weite von der Vorderen Mitte bis zur Seitennaht.
Gesamtweite des fertigen Kleidungsstücks auf Brusthöhe ermitteln
Da die Schnittteile ein halbes Oberteil darstellen, musst Du die gemessenen Zahlen jeweils verdoppeln. Wenn sich im Schnitt eine Nahtzugabe von z.B. 1 cm befindet, musst Du diese abziehen :
- Weite Vorderteil: (Gemessene Größe in cm – 1 cm NZ) x 2
- Weite Rückenteil: (Gemessene Größe in cm – 1 cm NZ) x 2
- Gesamtweite des fertigen Kleidungsstücks: Weite Vorderteil + Weite Rückenteil
Zu 2. Taillenweite vergleichen:
Diese Maße sind sowohl bei Vorder- und Rückenteil oft leicht zu ermitteln, weil die meisten Kaufschnitte an der Höhe der Taille Passenzeichen für Knipse oder sogar eingezeichnete Taillenlinien haben. In Burda-Schnitten ist beispielsweise sogar die Taille eingezeichnet. Wenn nicht, ermittelst Du Deine Taillenhöhe auf dem Schnitt auf die gleiche Art, wie Du die Brusthöhe ermittelt hast.
Auf dem vorliegenden Schnittmusterbeispiel, ist die Taillenhöhe auf dem Schnitt markiert. Das Schnittmuster hat einen Taillenabnäher, die Breite dieses Abnähers muss ich von den Maßen des fertigen Kleidungsstückes abziehen, da dort Stoff weggenommen wird.
Ich messe von der vorderen Mitte bis zum linken Schenkel des Abnähers und danach vom rechten Schenkel bis zur Seitennaht und addiere die beiden Werte. Jetzt habe ich die Weite des fertigen Kleidungsstücks für das Vorderteil.
Merke: Sind Abnäher auf der Höhe eingezeichnet, subtrahierst Du die Maße die der Abnäher auf der jeweiligen Höhe hat.
Mein Schnittmuster hat auf dem Rückenteil keine Abnäher, hier messe ich von der hinteren Mitte bis zur Seitennaht die Weite.
Gesamtweite des fertigen Kleidungsstücks auf Taillenhöhe ermitteln
Wie bei der Brusthöhe lässt sich die Gesamtweite wie folgt ermitteln:
- Weite Vorderteil: (Gemessene Größe in cm – 1 cm NZ – Abnäherbreite) x 2
- Weite Rückenteil: (Gemessene Größe in cm – 1 cm NZ) x 2
- Gesamtweite des fertigen Kleidungsstücks: Weite Vorderteil + Weite Rückenteil
Enthält Dein Schnitt Kellerfalten oder Knopflochleisten, muss diese Breite ebenfalls abgezogen werden.
Länge des Schnitteiles vergleichen
Um zu ermitteln, wie lang Dein Oberteil sein wird, gehst Du wie bei der Ermittlung der Brusthöhe vor. Miss Deine vordere bzw. hintere Höhe vom Schulteransatzpunkt am Hals bis zu Deiner Taille bzw. bis zu der Stelle, an der Du Dein Oberteil haben möchtest. Lege die ermittelten Maße vom Schulterpunkt senkrecht nach unten an.
Ärmelmaße vergleichen
Gibt es nur ein Schnittteil für den Ärmel, besteht dieses aus dem vorderen und hinteren Teil. Meist ist der vordere Teil am einfachen Knips auf der Armkugel oben zu erkennen. Der hintere Teil enthält meist zwei Knipse auf der Armkugel. Die hintere Armkugel ist oft breiter als die vordere Armkugel. Ein Ärmelschnitt wird immer spiegelverkehrt und doppelt auf dem Stoff zugeschnitten.
Der breiteste Punkt am Ärmel direkt unter der Armkugel ist der Punkt auf der Höhe unseres Bizeps. Außerdem befinden sich auf dem Schnitt auch oft Knipse an den Seiten ungefähr auf mittlere Höhe des Ärmelsschnittes, das ist die Ellenbogenhöhe. Von den Maßen, die Du ermittelst, ziehst Du einfach die Nahtzugabe und ggf. Falten o.ä. ab und erhälst so die Maße des fertigen Ärmels.
Beispiele Hosen und Röcke
Das Vergleichen der Maße an Hosen und Oberteilen ist das gleiche Prinzip, wie bei einem Oberteil, daher gehe ich hier nicht mehr so tief darauf ein.
Hosen und Röcke, haben meist auf der Hüfte und Kniehöhe Passzeichen, bzw. Knipse, die die Orientierung erleichtern.
Taillenweite (Hose oder Rock ohne Bund):
Man misst die Weite vom oberen Rand von der Seitennaht bis zur vorderen bzw. hinteren Mitte. Abnäher und Nahtzugaben werden subtrahiert. Der Betrag wird verdoppelt und die Maße des Vorder- und Rückenteiles werden addiert.
Taillenweite (Hose oder Rock mit Bund):
Gibt es einen Bund, wird die Bundbreite als Orientierung für die Taille genommen. Die Vorgehensweise ist die gleiche. Hier werden keine Abnäher berücksichtigt, weil der Bund bereits die reduzierte Weite durch die Abnäher enthält. Nahtzugaben werden weiterhin subtrahiert, der Betrag wird verdoppelt und die Maße des Vorder- und Rückenteiles werden addiert.
Hüftweite
Man misst die Weite am Passzeichen bzw. Hüftknips von der Seitennaht bis zur vorderen bzw. hinteren Mitte. Abnäher und Nahtzugaben werden subtrahiert. Der Betrag wird verdoppelt und die Maße des Vorder- und Rückenteiles werden addiert.
Länge und Beinumfang
Länge und Beinumfang werden genauso gemessen. Ihr müsst am Ende immer nur daran denken, Naht- und Saumzugaben abzuziehen, wenn sie im Schnitt enthalten sind.
So, ihr Lieben, ich hoffe, ich konnte einmal aufzeigen, an welchen Punkten man ansetzen kann, um die Maße auf einem Schnitt mit Euren Maßen zu kontrollieren. Die Blogposts für entsprechende Änderungsmaßnahmen gibt es ein anderes Mal. Ich wollte euch diese Vorgehensweise einfach mal zeigen, weil es eine wunderbare Möglichkeit ist, um sich mit Schnittmustern näher vertraut zu machen. Damit sie eben nicht mehr nur abstrakte Papierteile sind, aus denen sich am Ende einfach zufällig Kleidungsstücke ergeben.
Ich wünsche Euch einen wunderbaren Sonntag!
Liebste Grüße,
Selmin



















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