Provenienzforscher*innen erkunden die Biografien von Kunstwerken und Kulturgütern. Dabei enthüllen sie nicht selten Kriminalfälle oder bringen Geschichten von unrechtmäßiger Enteignung, Raub und kolonialer oder nationalsozialistischer Gewalt ins öffentliche Bewusstsein. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat mit dem Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter entscheidende Impulse für eine Dekolonialisierung von Museen geleistet. Die Kunsthistorikerin Meike Hopp forscht zum Kunsthandel im Nationalsozialismus. Sie war Mitglied der Taskforce Schwabinger Kunstfund, die erforscht hat, welche Werke aus der Sammlung Gurlitt zur NS-Raubkunst gehören. Aber wie können Museen, Archive oder Bibliotheken die vielen Daten, die von Provenienzforscher*innen zusammengetragen werden, öffentlich und zugänglich machen?

Das Ende der Geheimnistuerei

Diese und andere Fragen diskutierten die Provenienzforscherinnen Hopp und Savoy gemeinsam mit Wikimedia-Präsidiumsmitglied und Kuratorin Larissa Borck, Provenienzforscherin Lynn Rother und dem Computerwissenschaftler Tobias Matzner beim Roundtable: Part of a Global Cultural Commons? Provenance Research in 2024. Er bildete den Auftakt für die zweitägige Workshopreihe zur Öffnung von Provenienzdaten, die eine Initiative der AG Kunstwissenschaften + Wikipedia ist und mit Wikimedia Deutschland realisiert wurde.

„Wir haben die Veranstaltung organisiert, um Kunstwissenschaftlerinnen mit Protagonistinnen der Wikimedia-Projekte zusammenzubringen. Ein Austausch von und Expertisen und das gemeinsame Arbeiten an konkreten Fallstellungen zu digitalen Provenienzdaten standen im Vordergrund. Zudem haben wir mit dem manifesto 24 internationale Empfehlungen für den Umgang mit Provenienzdaten entlang der FAIR-Prinzipien formuliert.“
Waltraud von Pippich, AG Kunstwissenschaften + Wikipedia

Die Digitalisierung habe für die Provenienzforschung alles verändert, sagte Bénédicte Savoy. „Sie führt dazu, dass es eine größere Sichtbarkeit von Sammlungsbeständen gibt. Das Wissen der Museen über sich selbst ist kein Familiengeheimnis mehr.“ Aber warum sind nicht alle Sammlungsdaten der staatlichen Museen in Europa offen zugänglich? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Bei NS-Raubkunst sei jede Erforschung ein kompliziertes Puzzle aus Quellen verschiedenster Archive, Museumsdaten und Informationen aus privaten Quellen, erklärt Meike Hopp. Und es liege auch nicht nur an den Kulturinstitutionen, betont Larissa Borck. „Museen sind unterfinanziert, ihnen fehlen oft die personellen Ressourcen und dann können sie das Urheberrecht als Begründung nennen, warum Informationen nicht zugänglich sind.“ Lynn Rother verweist aus ihrer Erfahrung im Museum of Modern Art darauf, dass es in Europa zudem eine ganz andere Kultur gebe als in den USA. „Die amerikanischen Museen haben in den frühen 2000er Jahren Sammlungsdaten öffentlich gemacht und auch die Lücken in der Überlieferung offengelegt.“ Sie hob aber auch hervor, dass  amerikanische Museen oft über ganz andere personelle Ressourcen verfügen.

Einig waren sich die Diskutierenden darüber, dass der Status quo sich ändern soll – und dass Projekte wie Wikidata, Wikibase, die Wikipedia oder Wikimedia Commons und die Expertisen aus der Freiwilligen-Community dazu beitragen können.

Kulturinstitutionen müssen eine langfristige Strategie für die Zusammenarbeit mit Online-Communitys besitzen, damit man gemeinsam zielführend an Kulturinhalten in Wiki-Projekten arbeiten kann. Dabei müssen interne Ressourcen zur Verfügung stehen, die in den Austausch mit Wikimedianer*innen treten können. Außerdem muss man sich im Klaren sein, dass in Wikiprojekten wie Wikidata, Wikipedia oder Wikimedia Commons eigene Regeln wie offene Lizenzen und enzyklopädische Relevanz gelten – auf diese muss man sich einlassen.”
Larissa Borck, Wikimedia-Präsidiumsmitglied und Kuratorin im Sörmlands Museum

Anmerkung: Den Livestream des Roundtables finden Sie hier.

Wikidata für Kulturdaten: Beispiele aus der Praxis

Bevor es ans Barcampen ging, erhielten die Teilnehmenden Eindrücke davon, wie man mit Wikidata Kulturdaten offen zugänglich, vernetzen oder diverser machen kann.

Maarten Dammers, in der Wikipedia- und Wikidata-Community besser bekannt als Multichill, berichtete über das Freiwilligen-Projekt SOAP – Sum of all Paintings (Die Summer aller Bilder). Das Ziel: In Wikidata sollen Informationen zu jedem bekannten Kunstwerk frei und offen verfügbar sein. Seit bald zehn Jahren arbeiten die Freiwilligen daran, Sammlungsdaten, die Museen digital zur Verfügung stellen, oder Wissen aus gedruckten Katalogen in Wikidata einzubringen. Wikidata enthält aktuell mehr als 108 Millionen Datensätze, die miteinander verknüpfbar sind. Ein Datensatz zu einem Kunstwerk kann also mit unglaublich vielen Informationen verbunden werden: Das kann der Maler*innenname sein, das Genre des Bildes, die Identifikationsnummer in anderen Datenbanken, Aussagen über das Material oder Gegenstände und Orte im Bild, wann es Besitzer*innen gewechselt hat und vieles mehr.

Yann LeGall berichtete den Teilnehmenden von seiner Arbeit mit Wikidata im Rahmen des Forschungsprojekts The Restitution of Knowledge. Darin rekonstruieren die Forschenden, wie Kulturgüter ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bei sogenannten Strafexpeditionen aus Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent nach Europa verschleppt wurden. Es geht ihnen darum, sichtbar zu machen, dass mit dieser Art des „Sammelns“ Geschichten der Gewalt, des Raubes oder der Unterdrückung verbunden sind. Beim Überführen von Forschungsergebnissen in Wikidata haben Lucy Patterson, Projektmanagerin digitales Kulturgut, und Cin Pietschmann, Projektmanager*in marginalisiertes Wissen von Wikimedia Deutschland Yann LeGall unterstützt.

Wir haben LeGall und das Forschungsteam beraten, wie sie ihre Forschungsergebnisse in Wikidata einbringen können. Es gab eine Einführung dazu, wie man in Wikidata editiert und mehrere Workshops. Zudem haben wir untersucht, wie koloniale Geschichte und Artefakte derzeit in Wikidata dargestellt werden, und stellten fest, dass die antikoloniale Perspektive oft noch fehlte.
Dr. Lucy Patterson, Projektmanagerin digitales Kulturgut bei Wikimedia Deutschland

Mit Unterstützung von Wikimedia Deutschland konnte LeGall sich mit der Wikidata-Community vernetzen. Gemeinsam mit Sabine von Mering (Museum für Naturkunde Berlin) und Mohammed Sadat Abdulai (Dagbani Wikimedia Nutzer*innengruppe) entwickelte LeGall Ideen dafür, wie er seine Forschungsergebnisse in Datensätze einfügen oder verknüpfen kann – etwa zu Akteuren oder Ereignissen des anti-kolonialen Widerstands. Am Beispiel der Ngonnso’ Figur aus Kamerun, heute im Ethnologischen Museum Berlin, verdeutlichte LeGall die Möglichkeiten einer offenen Datenbank. Im musealen Kontext wird Ngonnso’ üblicherweise schlicht als Statue bezeichnet. In der Realität der kamerunischen Nso ist die Skulptur aber zugleich ein Objekt und eine Gottheit. Durch die Ergänzung der Bezeichnung „deity“ (Gottheit) im Datenbankeintrag spiegelt dieser nun nicht nur die westliche Perspektive auf Ngonnso’ wieder, sondern auch die der Nso. Solche Ergänzungen tragen dazu bei, Wissen diverser zu machen.

Die Forschenden ergänzten den Wikidata-Eintrag zu dem Objekt außerdem mit der Information „geplündert bei der Nso Expedition 1902“.  Sie machten so deutlich, dass die Skulptur im Zuge einer gewalttätigen Niederschlagung von anti-kolonialem Widerstand nach Europa verschleppt wurde. Solche Ergänzungen, aber auch das Anlegen bisher nicht vorhandener Eigenschaften (Properties), tragen dazu bei, dass koloniale Kontexte sichtbar werden.

Unter dem Titel Towards Wikidata: How to Transform Provenance with AI sprach Fabio Mariani über seine aktuelle Forschung zum Einsatz von sogenannter Künstlicher Intelligenz und Provenienzdaten. Er befasst sich damit, wie Informationen zur Herkunft eines Kunstwerks, die in Textform vorliegen, mit KI in Einzelinformationen getrennt und gelesen werden können. Die KI kann darauf trainiert werden, Logiken und Zeichensetzungen von Texten zu verstehen und diese dann in einzelne Informationen zu splitten. Was das mit Wikidata zu tun hat? Die KI kann keine fehlenden oder unvollständigen Daten ergänzen oder Fehler korrigieren. Um die aus den Texten extrahierten Daten anzureichern und zu erweitern, ergänzt Mariani diese daher mit dem Wissen aus Wikidata.

„Kann man euch dabei irgendwie helfen?”

Dieser Satz war bei der Konferenz immer wieder zu hören. Die Unterstützungsangebote kamen von den Teilnehmenden, die sich ehrenamtlich in Wiki-Projekten wie Wikidata oder Wikipedia engagieren oder Wikibase nutzen. So wurde bereits zu Beginn der Konferenz deutlich: Die Ehrenamtlichen aus den Wiki-Communitys haben ein großes Interesse daran, Provenienzforschende dabei zu unterstützen, Wikidata oder Wikibase zu nutzen. Als es darum ging, Barcamp-Sessions zu entwickeln, wurden direkt offene Fragen von Forschenden zu Wikidata und Wikibase bearbeitet.

Einige der Themen lauten:

  • Wie funktionieren Datenbankabfragen in Wikidata?
  • Wie können Kulturinstitutionen offene Datensätze im Ganzen in Wikidata importieren?
  • Wie entwickelt man fortgeschrittene Datenmodelle?
  • Welche Wikimedia-Werkzeuge, etwa für Datenbankabgleiche, gibt es?

Was motiviert diese Hilfsbereitschaft? Das ist sicherlich bei allen Wiki-Aktiven unterschiedlich. Daniel Mietchen, der in der Wikipedia-, Wikidata- und Wikibase-Community aktiv ist und das Werkzeug Scholia mit entwickelt hat, beschreibt sie so:

Im Wiki-Ökosystem beschäftige ich mich ja primär mit Sachen, die mich auch interessieren. Ich bin also fast nur in den Bereichen unterwegs, wo es Spaß macht und da habe ich auch Spaß, mit anderen zu interagieren und Wissen weiterzugeben – zum Beispiel zu SPARQL-Abfragen in Wikidata. Ich kann mich noch an die Zeiten erinnern, als ich das auch mal nicht konnte. Und als Wissenschaftler bin ich sowieso an Problemlösungen und Zusammenarbeit interessiert.
Dr. Daniel Mietchen, aktiv in der Wikipedia-, Wikidata- und Wikibase-Community und Mitentwickler des Werkzeugs Scholia

Wikibase für Sammlungsdaten-Management?

Ein  Wiki-Projekt, das auf der Konferenz vielfach diskutiert wurde, war Wikibase. Das ist die Software hinter Wikidata. Sie kann dank freier Lizenzierung von jedem und jeder benutzt werden, um eine eigene Datenbank anzulegen – deren Daten man wiederum mit Wikidata verknüpfen und so neues Wissen sichtbar machen kann.

In der Barcamp Session Best Practice for Wikibase: the Adolphe Schloss Collection sprach die Kunsthistorikerin Ruth von dem Busche über die Vorteile, die Wikibase aus ihrer Sicht für die Arbeit mit Provenienzdaten bietet. 1943 hatten die Gestapo und das französische sogenannte Judenreferat die Bilder des französisch-jüdischen Sammlers Adolphe Schloss beschlagnahmt. Einige Kunstwerke wurden verkauft, andere gingen in das sogenannte Führermuseum in Linz und in den Louvre. Im Rahmen des Projektes sollte deutlich gemacht werden, wer, wann und wo welches Kunstwerk beschlagnahmte, übergab, verkaufte oder aufkaufte.

Ein Vorteil, so Busche, bestand darin, dass sie mit Wikibase ihr eigenes Datenmodell entwickeln und so für dieses Projektziel maßschneidern konnte.

Sie hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass Wikibase gut geeignet für das Zusammentragen großer Datenmengen, aber auch für die Arbeit mit granularen Daten ist. Für die Verbindung von Geschichte und Daten sei es aus ihrer Sicht zudem hilfreich, dass man die Datensätze mit Bildern und Scans anreichern und mit Wikipages, also mit Informationen zu Personen, Ereignissen oder Orten verbinden könne.

 

Nach zwei Tagen ist der Auftakt für eine Vernetzung von Provenienzforschenden, Ehrenamtlichen aus den Wiki-Projekten und Wikimedia Deutschland gelungen. Neue Ideen wurden angestoßen und an einigen offenen Fragen oder Problemen konnte sogar direkt vor Ort gearbeitet werden.

Aus einer Zeit vor Wikipedia

Monday, 15 January 2024 08:21 UTC

Von Mammutwerken und halben Sachen

Mit aktuell über 6,7 Millionen Artikeln kann man die Wikipedia getrost als Mammutwerk bezeichnen. Gedruckt unübertroffen war in seiner Zeit das Grosse vollständige Universallexicon Aller Wissenschafften und Künste, das zwischen 1731 und 1754 erschien. Der Zedler, benannt nach seinem Verleger Johann Heinrich Zedler, enthielt rund 120 Millionen Wörter. Ein echter Riese ist auch der Artikel zu Griechenland aus Ersch und Gruber’s Allgemeiner Encyclopädie (1818-89). Er überraschte Lesende mit einer Länge von 3.668 Seiten.

Nicht alle Enzyklopädieplanungen wurden in die Praxis umgesetzt. Sie wurden abgebrochen, bevor alle Buchstaben bearbeitet waren, oder der Eifer ließ nach. So endete die Deutsche Encyclopädie (1778-1807) mit dem Buchstaben K. Bei der Encyclopédie nouvelle (1834-42) wurde dem Buchstaben “A” weit mehr als ein Band gewidmet, während die Buchstaben “S” bis “Z” in einem einzigen letzten Band abgehandelt wurden.

Was ist enzyklopädisches Wissen?

In der Wikipedia muss sich jeder Artikel – und damit alle Autor*innen – die Frage stellen lassen: Ist das Thema enzyklopädisch relevant? Diese Frage haben auch Verfasser*innen der frühen Enzyklopädien diskutiert – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Mit dem Begriff Wissen meinen wir heute oft abstraktes, theoretisches Wissen, während praktisches Wissen als trivial vernachlässigt wird. Dabei beinhalteten die frühen Enzyklopädien oft sehr praktisches Wissen: Die Deutsche Encyclopädie (1778-1807) beinhaltete Rezepte und Waschanleitungen. Im sogenannten Wunder-Meyer (1840-1853) war der Artikel zur Auswanderung 72 Seiten lang und beinhaltete praktische Hinweise. Er empfahl unter anderem „die Auswanderung für fähige, kräftige, harte Arbeiter zwischen zwanzig und vierzig Jahren“, informierte über Preise für den Transport zwischen amerikanischen Städten und gab an, welches Budget Auswandernde für die Gründung einer Farm in der amerikanischen Prärie brauchten.

Berühmte Männer und eine Frau als Artikelautor*innen

Viele Autor*innen von Wikipedia-Artikeln schreiben unter Pseudonymen und wir wissen daher nicht, wer sie sind und welchen fachlichen Hintergrund sie haben. Einige Autoren von gedruckten Enzyklopädieartikeln hingegen waren regelrechte Stars. Albert Einstein hat den Artikel „Raumzeit” in der Encyclopedia Britannica geschrieben, zu der auch Henry Ford einen Artikel beigesteuert hat. . Der anarchistische Theoretiker Piotr Kropotkin hat passenderweise den Beitrag über „Anarchismus” zu der bekannten englischsprachigen Enzyklopädie geleistet Vladimir Lenin schrieb einen Beitrag zur siebten Ausgabe der Enciklopediceskij slovar und Louis-Napoléon Bonaparte, der spätere Kaiser Napoléon III., hat den Artikel „Kanone” im Dictionnaire de la conversation verfasst.

Bis ein Enzyklopädieartikel über Frauen erstmals von einer Frau geschrieben wurde, dauerte es bis 1902 und erfolgte durch die Schriftstellerin Mary Jeune.

Der Enzyklopädie-Verkäufer

Dass Wikipedia den Zugang zu Wissen revolutioniert hat, ist beileibe keine Übertreibung. Denn fast überall auf der Welt können Menschen auf das Wissen aus über 300 Sprachversionen zugreifen. Es ist auch noch gänzlich kostenlos. Das war bei gedruckten Enzyklopädien nicht so und ist auch bei ihren digitalen Nachfolgern, wie etwa dem heutigen Brockhaus, nicht so. Wer Enzyklopädien verkaufen wollte, musste sie also bewerben.

Die Eigentümer von World Book sponsorten 1960 eine Expedition von Edmund Hillary in den Himalaya, um nach dem Yeti oder sogenannten Schneemenschen zu suchen. Die Reise sorgte für Aufsehen und die Ergebnisse wurden im Jahrbuch der Enzyklopädie festgehalten. Die Funk and Wagnalls New Standard Ecyclopedia war für längere Zeit gar nicht zu kaufen, da sie nur als Bonus für Abonnent*innen des Literary Digest erhältlich war. Das Bild des aggressiven Enzyklopädie-Verkäufers, der von Tür zu Tür ging, wurde sogar zu einem solchen Stereotypen, dass dieser in einem Sketch von Monty Python’s Flying Circus im Jahr 1969 auftauchte. Darin klingelt ein Mann an einer Tür, eine Frau öffnet. Er gibt sich als Einbrecher zu erkennen. Die Frau befürchtet aber, dass er ein Lexikon-Verkäufer ist und weigert sich, ihn hereinzulassen. Dem Mann gelingt es, sie davon zu überzeugen, dass er ein Einbrecher ist, sie lässt ihn hinein – woraufhin er beginnt, ihr eine Enzyklopädie zu verkaufen.

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Alter Wein in neuen Schläuchen

Einige Diskussionen, die es in und um die Wikipedia gibt, gab es schon bei den gedruckten Enzyklopädien.

Die Wikipedia ist ein sehr textlastiges Medium, weil Wissensvermittlung in der westlichen Welt überwiegend über Texte erfolgte und erfolgt. Den Bildern misstrauten und misstrauen viele als oberflächlich oder manipulierbar. Auch der Brockhaus  verweigerte sich lange der Aufnahme von Illustrationen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das mit Illustrationen ausgestattete Meyers Konversations-Lexikon dreimal so viel Lexika verkaufte und Brockhaus zum Umdenken zwang.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde lamentiert, dass Schüler*innen und Student*innen ihre Berichte einfach aus Enzyklopädien abschreiben. Ein Vorwurf, der früher auch häufig gegenüber der Wikipedia gemacht wurde.

Enzyklopädien hatten schon damals den Anspruch auf Neutralität. Insofern überrascht der mutige Werbeclaim der deutschen Enzyklopädie Brockhaus aus der Mitte des 20. Jahrhundert nicht: “Brockhaus berichtet, aber richtet nicht: Brockhaus kennt keine Vorurteile”

Versuche von staatlichen Akteur*innen, enzyklopädisches Wissen zu beeinflussen oder sogar zu zensieren, sind auch nichts Neues. Dies wird in verschiedenen Ländern bei der Wikipedia versucht und betraf auch die Bolshaia Sovietskaja Entsiklopediia. Nach Stalins Tod wurden aus politischen Gründen entfernte Biographien wiederhergestellt. Die Zensur ging jedoch weiter. Im Jahr 1954 wurden die Abonnenten der Entsiklopediia aufgefordert, die Seiten 21-4 von Band V zu entfernen und sie durch gelieferte Seiten zu ersetzen. Damit sollte die Biografie von Lawrenti Beria, Stalins kurz davor hingerichteter Sicherheitschef, entfernt werden. Als Ausgleich erhielten die Abonnenten mehr Material über die Beringsee.

Und die Wikipedia?

Zum Abschluss des Buches widmet sich der Autor auf 16 Seiten der freien Online-Enzyklopädie: „Wikipedia hat ein neues Paradigma für Enzyklopädien geschaffen. Wikipedia übertrifft jede frühere Enzyklopädie in ihrer Offenheit für Beiträge aus der breiten Öffentlichkeit. Ebenso wichtig ist, dass Wikipedia die erste soziotechnische Enzyklopädie ist, die sowohl auf Software als auch auf Menschen angewiesen ist; die erste Enzyklopädie, die als Marke in mehr als einer Handvoll Sprachen existiert.”

Dr. Christian Humborg ist einer der Geschäftsführenden Vorstände von Wikimedia Deutschland

An sechs Samstagen von Juni bis November trafen sich Interessierte in der Amerika-Gedenkbibliothek, um sich über (queer-)feministische Kunst und die Mitarbeit in Wikipedia zu informieren. Unter dem Motto „Schreiben, Zeichnen, sichtbar machen“ lernten sie, wie sie Artikel über FLINTA*-Künstler*innen in Wikipedia erstellen und bearbeiten können.

Den Auftakt machte die Künstlerin und Kuratorin der Reihe, Sandra Becker, mit einem Input zu ihrer Arbeit „People Queer Shapes“. Sie sprach über ihre Erfahrungen als queer-feministische Künstlerin und darüber, wie sie sich in Wikipedia einbringt:

„Als Künstlerin und Wikipedia-Autorin kann ich gut nachvollziehen, warum die Hürden, in Wikipedia aktiv zu werden, erstmal hoch erscheinen“, sagte Becker. „Es ist ein komplexes Regelwerk, das z. B. darüber entscheidet, welche Künstler*innen-Biografien relevant genug sind, um in Wikipedia aufgenommen zu werden. Diese Veranstaltungsreihe ermöglicht es den Künstler*innen und Kunstinteressierten gemeinsam mit Menschen aus der Wikipedia-Community die ersten Schritte in Wikipedia zu gehen.“

Von Ping Pong über Insekten bis hin zu Frauendenkmälern: Ein vielfältiges Programm rund um (queer-)feministische Kunst

Die Wikipedia-Trainerin Siggi Weide referierte über verschollenes Wissen und Überlieferungslücken in Archiven. Sie gab den Teilnehmenden Tipps, wie sie Informationen über FLINTA*-Künstler*innen finden und aufbereiten können.

Die Wikipedianerin Ruesselbueffel nahm die Relevanzkriterien und die Regeln für das Editieren in den Blick, die für die Wikipedia gelten. Sie argumentierte, dass aufgrund dieser Regeln und Strukturen oft nicht nur gegendertes Wissen in der Wikipedia einen schweren Stand habe, sondern auch das Wissen von gesellschaftlich marginalisierten Personengruppen sowie Themen um Sexualität, Herkunft und Klasse. Dass es an Bereitschaft allerdings nicht mangelt, zeigen die seit Jahren aktiven Initiativen wie Art+Feminism, WomenEdit oder Who Writes His_tory. Und eben die Workshopreihe FLINTAstic.

Die Künstlerin Frauke Beeck zeigte in ihrem Vortrag am Beispiel von Denkmälern auf, dass öffentliches Gedenken in Deutschland meist männlich geprägt ist. Sie verwies auf die Tatsache, dass nur etwa 200 historische Frauendenkmäler in Deutschland existieren und von diesen lediglich vier lesbischen bzw. Transfrauen gewidmet sind. Zum Vergleich: Allein Otto von Bismarck wurde in Deutschland rund 700 mal ein Denkmal gesetzt.

Die Künstlerin annette hollywood stellte in ihrem Vortrag ihr digitales Projekt [anderkawer] vor, eine detektivische Spurensuche nach lesbischen Müttern seit den 1920er Jahren in Deutschland. Wie man die Ergebnisse dieser Detektivarbeit auf Wikipedia dokumentieren kann, zeigte anschließend die Wikipedia-Trainerin Grizma.

Rege Diskussionen und Anstoß für neue Projekte

Insgesamt haben an der Veranstaltungsreihe 45 Personen teilgenommen. Für viele Teilnehmende waren es erste Einblicke in die Arbeit in Wikipedia. Mit ersten Erfolgen: „Es haben sich zwei neue Zusammenarbeiten aus der Veranstaltungsreihe ergeben: Künstler*innen und Wikipedianer*innen, die künftig gemeinsame Aktionen planen”, berichtet Sandra Becker. „Es freut mich, dass wir Interessierte zu diesem Thema zusammenbringen konnten. FLINTA*-Künstlerinnen und ihre Kunst gehören zu unserer Gesellschaft. Wir wollen dazu beitragen, dass sie in Wikipedia die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.“

Zum Nachlesen: https://www.wikimedia.de/flintastic/

Das Konzept der Überwachunsgesamtrechnung (ÜGR) ist aufgrund des Urteils vom Bundesverfassungsgericht zur Vorratsdatenspeicherung von 2010 entstanden. Darin hatte das Gericht geurteilt, dass rechtliche Befugnisse zur Überwachung nicht isoliert bewertet werden dürfen. Die Auswirkungen, die eine Überwachungsmaßnahme auf unsere Freiheitsrechte hat, müssen immer im Kontext aller gesetzlich möglichen Überwachunsmaßnahmen gesehen werden, die es bereits gibt. In der Rechtswissenschaft ist daraus der Begriff Überwachungsgesamtrechnung geworden. Die aktuelle Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag dazu bekannt, ein wissenschaftliches und evidenzbasiertes Konzept für eine solche Rechnung erstellen zu lassen. Jurist*innen erhoffen sich davon, dass vor der Einführung einer Überwachungsbefugnis überprüft wird, welche es bereits gibt und welche es überhaupt braucht – oder eben nicht. Aber wie kann aus der ÜGR ein Instrument werden, das unsere Privatsphäre schützt und dazu beiträgt, dass der freie Austausch von Wissen und Informationen im digitalen Raum nicht übermäßig beschränkt wird?

Sicherheitspolitik neu gedacht: Warum wir jetzt eine echte Überwachungsgesamtrechnung brauchen.

Zu dieser Frage veranstaltete das Bündnis F5 im vergangenen Jahr ein parlamentarisches Frühstück unter der Schirmherrschaft des innenpolitischen Sprechers der FDP, Manuel Höferlin MdB. Einig waren sich die Bündnisorganisationen und Höferlin darüber, dass es für die ÜGR eine robuste gesetzliche Grundlage braucht. Denn während es in der Sicherheitsgesetzgebung in den vergangenen Jahrzehnten stets zu Verschärfungen kam, gibt es aktuell keine Möglichkeit zu überprüfen, wie hoch der Gesamtdruck von Überwachungsmaßnahmen auf einzelne Personen tatsächlich ist. Das Bündnis drängt deshalb darauf, durch die ÜGR ein Instrument zu verankern, das einen elementaren Beitrag zum Schutz von Bürger*innenrechten leisten kann.

Umsetzung der ÜGR in Gefahr?

Henriette Litta, Leiterin der Open Knowledge Foundation, hob hervor, dass kaum eine andere Passage aus dem Koalitionsvertrag so viele Vorschusslorbeeren aus der Zivilgesellschaft erhalten hat wie das Vorhaben der ÜGR. Allerdings sieht das Bündnis nun die Gefahr, dass die verbleibende Zeit der Legislaturperiode nicht mehr für die Umsetzung der Ergebnisse der ÜGR genügen könnte – auch weil die federführenden Ministerien, das Bundesinnenministerium (BMI) und Bundesministerium der Justiz (BMJ) laut eigenen Angaben planen, die ÜGR erst bis Ende 2024 abzuschließen.

Und auch in prozeduralen Fragen sowie dem aktuell geplanten Umfang sieht das Bündnis Herausforderungen für die ÜGR. In ihren Impulsvorträgen beleuchteten Helene Hahn (Referentin für Referentin Advocacy / Internetfreiheit, Reporter ohne Grenzen) und Kai Dittmann (Leiter Politik, Gesellschaft für Freiheitsrechte) daher verschiedene Aspekte, die aus Sicht von F5 berücksichtigt werden müssen, um die ÜGR auf ein solides Fundament zu stellen.

Forderungen des Bündnis F5

Die ÜGR darf nicht als isoliertes Projekt betrachtet werden, sondern sollte als fortlaufender Prozess verstanden werden. Um das zu gewährleisten, ist die geplante Freiheitskommission mit weitreichenden, flankierenden und beratenden Befugnissen eine zentrale Institution, deren gesetzliche Verankerung im laufenden Verfahren höchste Priorität genießen muss. Zudem sollte das Gesetzgebungsverfahren transparent, ergebnisoffen und unter intensiver Stakeholder-Beteiligung geführt werden. Denn das Bündnis ist der Überzeugung: nur unter Einbezug der Zivilgesellschaft und durch eine breite öffentliche Debatte kann mit der ÜGR eine rechtsstaatlich angemessene Leitlinie der Sicherheitspolitik entstehen.

Die Vertreter*innen des Bündnisses merkten außerdem an, dass der aktuell geplante Umfang der ÜGR in einigen Fällen nicht ausreicht, um einen umfassenden Schutz vor unverhältnismäßiger Überwachung zu gewährleisten. Zum Beispiel sollte die Maßnahme Berufsgeheimnisträger*innen wie Journalist*innen einen besonderen Schutz vor Überwachung einräumen, da diese mit ihrem unabhängigen Journalismus einen wesentlichen Beitrag zu unserer demokratischen Gesellschaft leisten, betonte Helene Hahn.

Auch forderte das Bündnis eine Ausweitung der ÜGR auf weitere Rechtsbereiche, die bisher nicht in der Ausschreibung des BMI und BMJ inkludiert sind. Ein Fokus sollte dabei vor allem auf dem Schutz besonders vulnerabler Gruppen wie Asylbewerber*innen liegen, die bereits heute Ziel einer Vielzahl von Überwachungsmaßnahmen sind und nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben, sich davor zu schützen.

Worauf es jetzt ankommt

Schließlich zeigte die Diskussion zwischen den Parlamentarier*innen und dem Bündnis F5 über das Zusammenspiel von EU-, Bundes- und Länderebenen sowie das Schwachstellenmanagement im Kontext der ÜGR, dass viele der zivilgesellschaftlichen Anliegen parteiübergreifend auf Zustimmung stoßen. Neben dem Wunsch nach einer breiteren öffentlichen Debatte kommt es aus Sicht des Bündnisses nun darauf an, trotz der Komplexität des Themas nicht davor zurückschrecken, die ÜGR mit einer begleitenden Freiheitskommission schnellstmöglich zu etablieren und durch die gesetzliche Verankerung einen langfristigen Prozess anzustoßen. Denn nur so hat die Überwachungsgesamtrechung das Potenzial, einen bedeutungsvollen Schutz von Freiheitsrechten zu gewährleisten und zu einer neuen Leitlinie für die Sicherheitspolitik der nächsten Jahrzehnte zu werden.

Die meistgelesenen Wikipedia-Artikel 2023

Thursday, 4 January 2024 11:44 UTC

Wie in den Vorjahren auch, haben aktuelle Ereignisse, Krisen und Filme wieder einen großen Einfluss darauf gehabt, was die Menschen interessiert und wozu sie Wissen in der Wikipedia suchen. Es gibt aber auch Wikipedia-Artikel, die wiederkehrend auf der Liste der Top 10 auftauchen.

Top 10 in der deutschsprachigen Wikipedia

  1. Nekrolog 2023, 5.916.365 Aufrufe

Der Artikel, in dem die ehrenamtlichen Wikipedianer*innen dokumentieren, welche Menschen im jeweiligen Jahr verstorben sind, schafft es regelmäßig unter die Top 3. Im Jahr 2022 war er auf Nummer zwei. Es gibt übrigens auch eine Liste von Tieren, die im Jahr 2023 verstorben sind. Darauf zu finden sind Sportpferde, bekannte Tiere aus Zoos oder solche, die in Unterhaltungsfilmen oder durch ihre Besitzenden bekannt geworden sind.

2. Deutschland, 4.911.846

Überraschung! Die deutschsprachigen Lesenden informieren sich besonders gerne über Geschichte, Wirtschaft, Politik oder Kultur Deutschlands. Im Jahr 2021 und 2022 lag der Artikel jeweils auf Platz drei. Zum Vergleich: Der Artikel über die Schweiz landete im Jahr 2023 auf Platz 28 und der über Österreich auf Platz 26.

Das Foto zeigt Robert Oppenheimer im Jahr 1964 am CERN in Genf. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Mandelmann, Erling / Com_M13-0401-0001-0002 / CC BY-SA 4.0, Robert Oppenheimer 1964 Com M13-0401-0001-0002 (cropped), CC BY-SA 4.0

3. Robert Oppenheimer, 4.030.144 Aufrufe

Erfolgreiche Filme sorgen immer wieder dafür, dass sich Menschen in der Wikipedia über das Werk selbst oder die darin vorkommenden Protagonist*innen informieren wollen. Das ist auch in der englischsprachigen Wikipedia so. Der amerikanische Physiker Robert Oppenheimer hat viele Lesende im deutschsprachigen Raum interessiert, weil 2023 ein starbesetzter Film über ihn auch in die deutschen Kinos kam. Das gesteigerte Interesse am sogenannten Vater der Atombombe hat auch auf Mitglieder seiner Familie abgefärbt. Mitte des Jahres hat der Artikel über die Biologin Katherine Oppenheimer (die Frau des Physikers, deren Leben ebenfalls filmreif ist) und der über seinen Bruder Frank Oppenheimer mehr Lesende gefunden als sonst.

Das Logo von ChatGPT

4. ChatGPT, 3.581.233 Aufrufe

Der Chatbot, der bereits im November 2022 veröffentlicht wurde, hat 2023 einen Boom erlebt. So wie das Thema Künstliche Intelligenz im Allgemeinen war auch ChatGPT das ganze Jahr über in aller Munde. In einer Umfrage gaben kürzlich rund 70 Prozent der Befragten an, ChatGPT bereits genutzt zu haben. Kein Wunder also, dass auch der Artikel über die Anwendung viel gelesen wurde.

Das Foto zeigt den irischen Schauspieler Cillian Murphy, der Robert Oppenheimer in dem Film spielt.

5. Oppenheimer (2023), 3.512.131 Aufrufe

Seit der Veröffentlichung des Films in Deutschland am 20. Juli 2023 haben sowohl der Artikel über den Film als auch der über die historische Person Oppenheimer viele Leser*innen gefunden. Der Artikel über den Physiker wurde im Juli allein 1.733.111 Millionen mal aufgerufen und lag damit auf Platz eins – vor dem Artikel zum Film, der 1.194.873 Millionen mal gelesen wurde. Zum Vergleich: Im Mai 2023 landete der Artikel über den Physiker noch auf Platz 102, der über den Film auf Platz 521.

6. Gazastreifen, 3.187.322 Aufrufe

Seit dem Terrorangriff gegen Israel, den die Hamas am 7. Oktober 2023 aus dem Gazastreifen heraus begonnen hat, lesen die Menschen in der Wikipedia besonders intensiv Artikel zu verschiedenen Aspekten des Nahost-Konflikts in der Gegenwart und Vergangenheit. Zu den zehn am meisten gelesenen Artikeln im Oktober 2023 zählen neben dem über den Gazastreifen auch der über Israel, die Hamas, den Staat Palästina, das Westjordanland und die Region Palästina.

Die Karte zeigt den Gazastreifens und die Lage Israles Karte des Gazastreifens nach UN-Angabe im Dezember 2012 / Januar 2013 Grafik: Maki1, Karte Gazastreifen Dez 2012, CC BY-SA 3.0

7. Israel, 3.152.762 Aufrufe

Der Israel-Artikel wurde vor dem Terrorangriff der Hamas durchschnittlich 70.000 Mal im Monat gelesen. Seit dem 7. Oktober und der damit verbundenen täglichen Berichterstattung beschäftigen sich wieder deutlich mehr Menschen mit Israel und informieren sich auch auf Wikipedia über die Geschichte des Staates oder die politische Situation.

8. Chronologie des russischen Überfalls auf die Ukraine, 2.808.441 Aufrufe

Obwohl es nicht einfach ist, die vielen Informationen zum Krieg gegen die Ukraine zu sichten, bemühen sich die Ehrenamtlichen, zu dokumentieren, was in der Ukraine geschieht. Wichtig dabei: transparent zu machen, von welcher Stelle eine Information kommt. Seit dem Krieg in Israel und Gaza ist der Krieg in der Ukraine nicht nur in der medialen Berichterstattung etwas weniger präsent. Im Jahr 2022 waren unter den zehn am meisten gelesenen Artikeln noch der über die Ukraine, über Russland, Wladimir Putin und ein Artikel über den russischen Angriff auf die Ukraine.

9. Periodensystem, 2.321.293 Aufrufe

Wohl kaum ein Schüler oder eine Schülerin kommt an ihm vorbei: dem Ordnungsschema für chemische Elemente, das der Russe Dmitri Mendelejew und der Deutsche Lothar Meyer fast gleichzeitig entwickelt haben. In den Top 10 der meistgelesenen Artikel begegnen wir ihm zum ersten Mal. Seit dem Jahr 2021 ist aber erkennbar, dass der Artikel mehr gelesen wird. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass viele Menschen die naturwissenschaftlichen Sendungen von Mai Thi Nguyen-Kim über Chemie und das Periodensystem sehen und danach nach weiteren Informationen dazu suchen.

10. Ricarda Lang, 2.307.083 Aufrufe

Die Grünen Politikerin ist in diesem Jahr erstmals in den Top 10 Artikeln. Im vergangenen Jahr war ihr Artikel bereits unter den 25 am meisten gelesenen Artikeln gelistet, was daran liegen dürfte, dass sie seit Februar 2022 zusammen mit Omid Nouripour eine der Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen ist.

Die Top 10 der englischsprachigen Wikipedia

Die Top 10 der englischsprachigen Wikipedia unterscheiden sich deutlich von der Bestenliste aus dem deutschen Sprachraum. Sie zeigt, dass nicht nur in den USA oder in Großbritannien mehrheitlich Englisch gesprochen und gelesen wird, sondern das Englische auch in Indien die Verkehrssprache ist. Die Platzierung der Indian Premier League, der indischen Filme Jawan und Pathaan oder der beiden Cricket-Artikel etwa dürften maßgeblich auf die Informationssuche von Menschen vom indischen Subkontinent zurückzuführen sein. Einen ausführlichen Artikel zur Wissenssuche in der englischsprachigen Wikipedia gibt es hier.

  1. ChatGPT, 49.490.406 Aufrufe
  2. Deaths in 2023, 42.666.860 Aufrufe
  3. 2023 Cricket World Cup, 38.171.653 Aufrufe
  4. Indian Premier League, 32.012.810 Aufrufe
  5. Oppenheimer (film), 28.348.248 Aufrufe
  6. Cricket World Cup, 25.961.417 Aufrufe
  7. J. Robert Oppenheimer, 25.672.469 Aufrufe
  8. Jawan (film), 21.791.126 Aufrufe
  9. 2023 Indian Premier League, 20.694.974 Aufrufe
  10. Pathaan (film), 19.932.509 Aufrufe

Hinweis: Wir haben in die deutschsprachigen Top 10 nur Wikipedia-Artikel aufgenommen und nur solche Artikel, nach denen Menschen gesucht haben und die nicht durch Bot- oder SEO-gestützte Maßnahmen zu Aufrufen gekommen sind. Den reinen Zahlen nach wäre zudem der Wikipedia-Artikel zum ZDF unter den meistgelesenen Artikeln. Die hohe Zahl der Aufrufe kommt zwar nicht durch SEO-Maßnahmen oder Bot-Unterstützung zustande. Allerdings verlinkt YouTube unter jedem der über 5.500 Videos des ZDFheute Kanals, der 1,08 Millionen Abonnent*innen (Stand 5.1.2024) hat, auf diesen Wikipedia-Artikel, um die Quelle der Inhalte einzuordnen.

Lizenzhinweis zu den im Titelbild verwendeten Bildern (v.l.n.r.):

Robert Oppenheimer // ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Mandelmann, Erling / Com_M13-0401-0001-0002 / CC BY-SA 4.0

ChatGPT Logo ist Teil der Public Domain

Ricarda Lang //Kasa Fue, BDK Karlsruhe Nov 2023 Ricarda Lang 1, CC BY-SA 4.0

Israelflagge // Hynek Moravec (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jerusalem_wall_9291m.jpg), „Jerusalem wall 9291m“, CC BY-SA 3.0

Das diesjährige Motto „unlocked“ des Chaos Communication Congress war Programm: Das Kongresszentrum Hamburg verwandelte sich für vier Tage in ein offenes Haus für die internationale Hacker*innenszene, für Bürger*innenrechtsbewegte, Digital-Rights-Initiativen und Technologie-Forschende. Hier konnten sich alle zu aktuellen technologischen und digitalpolitischen Entwicklungen austauschen, im Hauptprogramm oder den vielen selbstorganisierten Workshop-Bereichen ihre Erfahrungen teilen und Ideen testen.

Drei Jahre lang fand dieses Treffen pandemiebedingt nur dezentral statt. Vom 27. bis 30. Dezember 2023 gab es nun wieder einen gewohnten Congress mit tausenden Teilnehmenden. Oft war zu hören, wie gut der persönliche Austausch tue, wie viel mehr Ideen-Funken sprühen und Zuversicht getankt werden kann. Alles für ein besseres Internet und eine gerechtere digitale Zukunft. Auch medial wurden verschiedene Themen begleitet, siehe beispielsweise dieser Bericht vom ZDF.

Ehrenamtlich und programmatisch nicht-kommerziell

Immer wieder beeindruckend und beispielgebend: Der Congress versteht sich nicht nur programmatisch als nicht-kommerziell, sondern fußt auf der Zusammenarbeit tausender ehrenamtlich Beitragender, die der Sache wegen aus einem Congress Centrum für einige Tage einen magisch wirkenden Ort machen. Neben Logistik und Infrastruktur von Strom bis Netzwerk geht es dabei auch um die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen spezialisierten Gruppen; von der Projektleitung über das Programmteam bis zur Koordinierung der verschiedenen anreisenden Orts- und Interessensgruppen, die zusammen die so genannten Assemblies und Habitate gestalten.

Eines dieser Habitate war in den vergangenen Jahren die Wikipaka-WG, v. A. organisiert von Wikimedia Deutschland, Jugend hackt, temporärhaus und weiteren Gruppen aus der Welt des Freien Wissens, um einen Meetup- und Rückzugsort für Aktive und Interessierte anzubieten, um Gleichgesinnte zu finden und Gespräche zu führen. Und nicht zuletzt sollten im Setting einer metaphorischen WG mit Vortragssaal, Küche und Wohnzimmer Jugendliche an die „großen“ netzpolitischen Themen herangeführt werden und sich auch Neulinge trauen, eine Bühne mit Programm zu bespielen, per Video zu übertragen oder gar synchron zu übersetzen. 

Dieses Jahr fand sich beim bits&bäume-Habitat ein noch facettenreicheres Bild beitragender Organisationen. An kleinen Ständen, einem Workshop- und einem Wohnzimmer-Bereich waren Engagierte, etwa von Amnesty International und der Gesellschaft für Freiheitsrechte über OpenStreetMap und SearchWing bis European Digital Rights und der Free Software Foundation zu finden. Auch wir von Wikimedia Deutschland kamen hier mit Interessierten ins Gespräch. Dabei ging es um politische Aktivitäten rund um Freies Wissen, aber wie auch bei den letzten Congressen gab es viel Interesse und Fragen rund um Wikidata und es kamen erste Fragen zu den neuen Projekten “Wikifunctions” und “Abstract Wikipedia” auf.

Digitalpolitische Ampeldämmerung

Neben vielfältigen Talks internationaler Fachleute, etwa zum Stand der Anwendung von Desinformations- und Überwachungstechnologien und dem Widerstand dagegen, beleuchteten mehrere Vortragende kritisch die digitalpolitische Arbeit der Ampelregierung. 

Dabei stand die vielversprechende Agenda des Koalitionsvertrags im scharfen Kontrast zur tatsächlichen Bilanz nach zwei Jahren. Eine konkrete Ausrichtung auf das Gemeinwohl, die Priorisierung von Open Source und Nachhaltigkeit, die systematische Einbindung der Zivilgesellschaft, eine Überwachungsgesamtrechnung, das Bundestransparenzgesetz und Recht auf Open Data – viele Vorhaben bleiben deutlich hinter den gesteckten Ziele zurück oder ganz aus. (Siehe dazu auch den Beitrag Halbzeitkritik: Diese vier Vorhaben muss die Ampel endlich anpacken des Bündnis F5). 

Einige unserer Highlights:

Gemeinsam auf dem Sofa die Gesellschaft hacken

Das Themenspektrum beim Erkunden des Congress reicht von Informationsfreiheit über IT-Sicherheit und Freie Software bis zum kreativen und bisweilen nicht von den Hersteller*innen beabsichtigten Umgang mit Geräten. Von Anfang an steht dabei auch eine IT- und Digitalpolitik im Sinne des öffentlichen Interesses und sozialer Gerechtigkeit als verbindendes Anliegen über den vielen Tätigkeiten der Ehrenamtlichen. 

Besonders die praktischen Hacks und Spielereien, die in entspannter Atmosphäre mit anderen getestet werden, machen Spaß. Kunstschaffende bringen Musik, Installationen oder Skulpturen mit und bauen sich ihr kleines, temporäres Utopia. Es entsteht ein Klima, in dem greifbar wird, dass Gegenwelten möglich sind, in der Ungerechtigkeiten angefochten und gemeinsam an wünschenswerten Zukünften gearbeitet werden kann. Und in dem die und der Einzelne sich nach den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten für die größere Sache einbringen kann – wie Jascha es in seinem Beitrag Angels at Chaos – about volunteering and fitting in schreibt: “Our community is not about personal growing but about contributing to each other and growing by doing this.”

Einige unserer Highlights:

Wir danken allen Beteiligten für einen großartigen 37C3. Wir nehmen die vielen Ideen und Gespräche ins neue Jahr mit und freuen uns auf den 38C3!

Weiterführende Links:

Heute ist der 1. Januar, bei Wikimedia-Aktiven traditionell als „Tag der Gemeinfreiheit“ bekannt. Am „Public Domain Day“ feiern die Wikimedia-Communitys gemeinsam mit Kreativen, Kulturinstitutionen und Wissens-Aktiven aus der ganzen Welt diejenigen Werke aus Kunst und Wissenschaft, die ab sofort jede*r frei weiternutzen kann. In diesem Jahr liegt besondere Aufmerksamkeit auf einem frühen Meisterwerk aus der Filmgeschichte: In den USA erlöschen heute die Urheberrechte an dem Zeichentrick-Kurzfilm Steamboat Willie, in dem 1928 erstmals Micky Maus zu sehen war.

Ursprünglich sollten die Rechte an dem sieben Minuten langen Werk bereits 1984 ablaufen. Die Walt Disney Company setzte sich nach dem Tod ihres Gründers jedoch mehrmals erfolgreich bei der Politik dafür ein, die Geltungsdauer des Urheberschutzes im US-amerikanischem Recht zu verlängern. Eine viel diskutierte Reform im Jahr 1998 erhielt deshalb sogar den Spitznamen „Mickey Mouse Protection Act“. Seit heute ist diese Schutzfrist jedoch endgültig abgelaufen.

Steamboat Willie ab heute in den USA gemeinfrei – Deutschland muss sich noch gedulden

Jetzt steht es also zumindest in den USA jeder und jedem frei, Steamboat Willie zu beliebigen Zwecken zu nutzen – und sogar zu verändern – ohne dafür vorher eine Lizenz einholen zu müssen. Anders ist die Rechtslage dagegen in Deutschland: Aufgrund eines völkerrechtlichen Vertrags aus dem Jahr 1892 (!) läuft der urheberrechtliche Schutz von Steamboat Willie hierzulande noch bis 2042; ähnlich ist es bei anderen Werken US-amerikanischer Urheber. Diese groteske – und vom Gesetzgeber wohl unbedacht erzeugte – Situation ist Fachleuten bereits seit Jahrzehnten bekannt, sie wird aber heute besonders sichtbar.

Wer sich davon aber nicht die Laune verderben lassen will, dem sei etwas Musik empfohlen, die die für den heutigen Tag passende beschwingte Stimmung garantiert: Im deutschen Urheberrecht endet heute nämlich unter anderem der Schutz für die Kompositionen der Ikone des „Hot Club Jazz“ Django Reinhardt, dessen berühmtestes Stück Minor Swing aus dem Jahr 1937 schnell ins Ohr geht und vielen wahrscheinlich aus Filmen bekannt sein wird.

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In den nächsten Tagen werden viele ehrenamtliche Wikimedia-Aktive damit beschäftigt sein, die heute gemeinfrei gewordenen Bilder, Texte, Musik und Videos auf die Medienplattform Wikimedia Commons hochzuladen und sie in die entsprechenden Wikipedia-Einträge einzupflegen. Wer mag, kann gleich darin stöbern und sich zu neuen Nutzungen der in diesem Jahr zu feiernden Werke inspirieren lassen – der Tag der Gemeinfreiheit ist nicht zuletzt ein Feiertag für alle, die gern Wissen teilen und Kunst genießen.

Weitere Beiträge zum Thema:

Interview mit Lukas Mezger im Deutschlandfunk

Die erste Micky-Maus-Darstellung von 1928 ist in den USA seit Jahresbeginn gemeinfrei. Rechtsanwalt Lukas Mezger sieht dafür auch politische Gründe: Disney-Filme seien wohl nach Ansicht mancher Republikaner „zu links“ geworden.

Netzpolitik-Kolumne zum Public Domain Day

Am 1. Januar war Public Domain Day und damit wurden wieder zahlreiche Kunstwerke gemeinfrei nutzbar. An den übrigen 364 Tagen im Jahr sollten Museen mehr dafür tun, dass Kulturerbe für uns alle frei und digital zugänglich wird. Welche Rahmenbedingungen es dafür braucht, beschreibt Dominik Scholl.

Am 13. Juni 2004 war es soweit: Am Rande der in Berlin stattfindenden Wizards of OS, zu der auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales angereist war, trafen sich 34 Aktive der deutschen Wikipedia-Community in der TU Berlin, um den Grundstein für Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens zu legen. Noch im gleichen Jahr wurde der Verein von der Wikimedia Foundation als erste nationale Länderorganisation anerkannt.

In der Satzung wurde damals festgelegt: „Zweck des Vereins ist es, die Erstellung, Sammlung und Verbreitung Freier Inhalte in selbstloser Tätigkeit zu fördern, um die Chancengleichheit beim Zugang zu Wissen und die Bildung zu fördern“. Dieser Auftrag gilt bis heute.

20 Jahre für Freies Wissen und ein besseres Internet

Seit der Gründung vor zwei Jahrzehnten ist unglaublich viel passiert: Heute arbeiten in der Geschäftsstelle am Tempelhofer Ufer in Berlin mehr als 170 Mitarbeiter*innen an der Förderung Freien Wissens. Zu den Schwerpunkten gehören die Unterstützung der ehrenamtlichen Communitys der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte, die Entwicklung der freien Wissensdatenbank Wikidata und der Wikipedia-Software Wikibase und der Einsatz für bessere Rahmenbedingungen für Freies Wissen auf politischer Ebene.

Eine tragende Rolle spielen natürlich von Beginn an unsere Vereinsmitglieder. Waren es im Gründungsjahr noch 90 aktive und 12 Fördermitglieder und Jimmy Wales als Ehrenmitglied, zählt der Verein heute weit mehr als 100.000 Menschen, die Freies Wissen mit einer Mitgliedschaft unterstützen.

Geburtstagsüberraschungen und ein großes Fest zum Jubiläum

So ein runder Geburtstag will natürlich gebührend gefeiert werden: Am Freitag, den 21. Juni, öffnen wir die Türen unserer Geschäftsstelle in Berlin und feiern gemeinsam mit vielen Wegbegleitern das 20. Jubiläum mit einem großen Fest. Details dazu folgen in Kürze. Am Tag nach dem Fest findet in Berlin die 29. Mitgliederversammlung statt, auf der unter anderem das neue Vereinspräsidium gewählt wird.

Außerdem halten wir das ganze Jahr über zahlreiche Geburtstagsüberraschungen bereit. Unter anderem treffen wir Menschen, die Wikimedia Deutschland in den vergangenen 20 Jahren auf unterschiedliche Art und Weise erlebt und mitgestaltet haben. Wer kein Highlight im Jubiläumsjahr verpassen möchte, kann uns auf unseren Social Media-Kanälen Instagram, Facebook, LinkedIn und Mastodon folgen oder unseren Newsletter abonnieren. Dort informieren wir immer aktuell über unsere Jubiläumsaktivitäten.

Wir freuen uns auf ein tolles Jubiläums-Jahr 2024 mit Ihnen!

350.000 Menschen spenden für Wikipedia und Freies Wissen

Saturday, 30 December 2023 09:49 UTC

Eine Vielzahl von Krisen, der wirtschaftliche Abschwung und die Inflation haben das Jahr 2023 geprägt und die Spendenbereitschaft in Deutschland insgesamt sinken lassen. Eine Umfrage des Deutschen Spendenrates zeigte zuletzt, dass nur noch jeder Fünfte überhaupt spendet, der tiefste Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005.

„Umso mehr freut es uns, dass erneut hunderttausende Menschen in Deutschland mit einer Spende deutlich gemacht haben, dass ihnen der freie Zugang zu Wissen und unabhängige Informationen im Netz auch und besonders in Krisenzeiten wichtig sind“, so Christian Humborg, Geschäftsführender Vorstand von Wikimedia Deutschland.

Dafür werden die Gelder eingesetzt

Das Spendenziel von 9,7 Millionen Euro wurde nach 60 Tagen am 29. Dezember erreicht. Dank der Spenden kann sich Wikimedia auch 2024 für Wikipedia, die ehrenamtlichen Communitys und die zahlreichen weiteren Projekte für Freies Wissen einsetzen. Die Mittelverwendung zeigt detailliert, wie die Spenden 2024 aufgeteilt werden. Ein Teil der Gelder geht an die Wikimedia Foundation, die weltweit Wikipedia und damit verbundene Projekte betreibt, voranbringt und entwickelt. Die Jahrespläne von Wikimedia Deutschland und der Wikimedia Foundation enthalten weitere Informationen über die Aktivitäten in Deutschland und die internationalen Aktivitäten.

Mehr Mitglieder und Dauerspender*innen

Erfreulich ist auch, dass sich immer mehr Menschen dazu entscheiden, Wikimedia Deutschland dauerhaft als Mitglied zu unterstützen. Im Zuge der Spendenkampagne sind 3.500 neue Mitglieder hinzugekommen, damit stieg die Zahl der Vereinsmitglieder auf ca. 109.500. Darüber hinaus haben sich ca. 30.000 Menschen für eine Dauerspende entschieden. Zusammen mit den Beiträgen der Mitglieder hilft dieses Engagement, uns finanziell nachhaltig aufzustellen.

Im Interview erklärt die Journalistin und Moderatorin Esra, was genau KARAKAYA TALKS macht und wie die Teilnahme an re·shape bisher für sie läuft.

Hallo Esra, KARAKAYA TALKS ist die erste Video-Talkshow, die Deutschland aus einer Perspektive of Color diskutiert. Auf eurer Homepage schreibt ihr: „Wir machen unabhängigen, unterrepräsentierten und Community-orientierten Journalismus.“ Kannst du uns mehr über euch und eure Vision erzählen?

Esra: Wir produzieren News und Talkshows für Millennials und Gen Z of Color aus marginalisierten Communitys. Wir wollen marginalisierte Perspektiven in Deutschland sichtbar machen, da diese in den Medien oft vernachlässigt werden. Das Team von KARAKAYA TALKS besteht zu 100 % aus mehrfach marginalisierten BIPoCs. Wir nutzen hauptsächlich Social-Media-Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube.

27 % der Bevölkerung in Deutschland sind BIPoC, aber diese Communitys sind oft unterrepräsentiert oder stereotypisch dargestellt. Wie versuchen KARAKAYA TALKS, diesem Problem entgegenzuwirken?

Unser Fokus liegt darauf, konkrete Themen zu bespielen, die unsere Zielgruppen bewegen. Das bedeutet, dass wir gucken, welche News z. B. unterrepräsentiert sind, oder welche Perspektiven gerne im Mainstream vergessen werden.

Was hat KARAKAYA TALKS mit Freiem Wissen und Wikipedia zu tun? Warum habt ihr euch für re·shape beworben?

Esra: Ich möchte verstehen, welche Rolle Wikipedia für unsere Zielgruppen spielt und wie unsere Social-Media- und Videoproduktionen dazu beitragen können, Wissen und Wissensproduktion gerechter zu gestalten. Wir erkennen an, dass es unterschiedliche Quellen von Wissen gibt. Es gibt Wissen, das nicht als solches markiert und archiviert ist und solches, das als subjektiv und Meinung abgetan wird.  Bei KARAKAYA TALKS nutzen wir unterschiedliche Quellen und versuchen, das Spannungsfeld zwischen archiviertem Wissen und migrantisch situiertem Wissen zu überbrücken. Wir wollen verzerrte Darstellungen im Netz über Menschen aus marginialisierten Communitys z. B. auf Wikipedia korrigieren. Unser Ziel ist, die Präsenz und Repräsentation von BIPoC-Communitys in den Medien zu stärken, deren Wissen zu dokumentieren und unter freier Lizenz zu verbreiten.

Was ist seit dem Start von re·shape konkret passiert? Wo steht ihr jetzt und was sind eure nächsten Schritte?

Esra: Beim Kick-Off-Event im September haben wir eine große Lernkurve hingelegt. Wir haben viel über Wikipedia und Wikidata gelernt und auch darüber, was es eigentlich bedeutet, wenn eine Person überhaupt Zeit hat, Wissen zu produzieren. Und was es bedeutet, wenn vorhandenes Wissen westlich zentriert ist.
Gemeinsam mit unserer Mentorin aus der Wikipedia-Community, Kritzolina, prüfen wir, wie Wikipedianer*innen unsere journalistischen Inhalte und Videos als Referenzen für Wikipedia-Artikel nutzen können. Wir sind außerdem dabei, uns mit anderen Teilnehmenden von re·shape zu vernetzen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit eurer Mentorin?

Esra: Sehr gut, wir passen gut zusammen! Kritzolina versteht unsere Bedürfnisse und dank ihrer Expertise haben wir verstanden, was eine Mitarbeit in Wikipedia bedeutet: Es ist nicht sinnvoll, auf Biegen und Brechen ganze Artikel zu schreiben, sondern erstmal mit kleinen Bearbeitungen anzufangen und sich mit anderen Wikipedianer*innen zu connecten und zusammenzuarbeiten. Das braucht Zeit und Geduld.

Welchen Herausforderungen seid ihr bisher bei eurer Arbeit begegnet und (wie) hilft euch re·shape bei der Bewältigung?

Esra: Unser Ziel ist, unsere journalistische Arbeit nachhaltig so aufzuarbeiten, damit sie von Wikipedianer*innen genutzt werden kann. Wir produzieren hauptsächlich Video-Content, was als Quelle schwierig auf Wikipedia zu nutzen ist. Brauchen wir Transkriptionen? Wie lässt sich Video-Content sonst übertragen? Das gilt es in den nächsten Monaten herauszufinden.

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen euch weiterhin viel Freude und Erfolg bei eurem Projekt.

 

Weitere Infos zum Förderprogramm und die restlichen Projekte von re·shape gibt es hier.

Knapp 100 Menschen hatten sich für den Kick-off zum Forum Offene KI in der Bildung angemeldet. Mit dabei waren Lehrkräfte der verschiedenen Schulformen, Bildungswissenschaftler*innen sowie Mitarbeitende aus Bildungsverwaltungen oder Landesbildungsinstituten, Informatiker*innen, Bildungspolitiker*innen, Expert*innen für digitale Bildung und Medienbildung und viele mehr.

In wechselnden Arbeitsgruppen ging es zum Auftakt der Workshopreihe erst einmal darum zu klären, was offene KI ist, warum ihr Einsatz in der Bildung wünschenswert ist und was Pädagog*innen und Schulen brauchen, um offene KI nutzen zu können. Gemeinsam haben die Teilnehmenden Fokusthemen definiert, die in drei Workshops in 2024 weiter bearbeitet werden sollen. Das Ziel: die gemeinsame Entwicklung von Rahmenbedingungen für die Gestaltung und den Einsatz von offener KI in der Bildung.

Alle reden über KI. Wir auch! Aber offen und mit allen, die sich am Forum Offene KI in der Bildung beteiligen wollen. Das entspricht unserem demokratischen Bildungsverständnis. Daher wollen wir gemeinsam Leitlinien für freie und offene KI-Anwendungen in der Bildung entwickeln – statt mit intransparenten, kommerziellen Anwendungen zu arbeiten.
Dr. Anne-Sophie Waag, Referentin für Bildung in der digitalen Welt Wikimedia Deutschland

Ist offene KI gleich gute KI?

Bei offenen KI-Anwendungen ist nicht nur der Quellcode (oder das Modell), sondern auch der zugrundeliegende Datensatz offen einsehbar, nutzbar und veränderbar. Das hat Vor- und Nachteile. So können Daten, Algorithmen oder Filtermechanismen überprüft werden, um beispielsweise Diskriminierung besser zu begegnen. Offenheit kann KI nachvollziehbarer machen. Das kann Vertrauen stärken und passt außerdem zu einem demokratischen Bildungssystem. Allerdings, so die Einwände einiger Teilnehmer*innen, gelte das natürlich nur für Menschen mit entsprechendem Vorwissen. Die Kompetenzen, die notwendig sind, um Systeme künstlicher Intelligenz zu verstehen oder ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, müssten auch vermittelt werden.

Ein Vorteil, der in der Debatte immer wieder betont wurde: Offene KI Anwendungen für Schulen können auch für spezifische Bedarfe und Zwecke angepasst werden. Das ist insbesondere für den Bildungskontext relevant, da die Binnendifferenzierung von Lernmaterialien einen immer höheren Stellenwert einnimmt. Aus Sicht der Teilnehmenden bestünden weitere Vorteile von offener KI darin, dass offene Standards die Integration von verschiedenen Bildungstechnologien und -plattformen ermöglichen. Bei einer offenen und nicht-kommerziellen Anwendung sei das Datensammeln außerdem nicht Teil eines Geschäftsmodells, hoben Teilnehmende in der Diskussion hervor.

Und so geht es 2024 weiter

Nachdem die Teilnehmenden beim Auftakt im November verschiedene Fokusthemen definiert haben, die sie im Kontext von offener KI für wichtig halten, geht es im neuen Jahr mit drei Schreibwerkstätten weiter. Dabei sollen zu einzelnen Themen Handlungsempfehlungen entwickelt werden.

Einige Fokusthemen lauten:

  • Nachvollziehbarkeit und Transparenz bei KI
  • Finanzierung und Trägerschaft
  • länderübergreifende Infrastrukturlösungen
  • Nachnutzbarkeit und freie Lizenzen
  • Regulierung und Qualitätssicherung
  • Pädagogische Grundlagen und Ethik der KI

In Themengruppen werden die unterschiedlichen Perspektiven und Expertisen der Teilnehmenden zusammengeführt, Informationen recherchiert und zusammengetragen oder externe Expert*innen gehört. Bis zur dritten Schreibwerkstatt sollen so Handlungsempfehlungen für den Einsatz offener KI in der Bildung entstehen, die am 14. Mai 2024 in Berlin an bildungspolitische Akteur*innen übergeben werden. Wer an einer oder allen Werkstätten teilnehmen möchte, kann sich noch anmelden.

Anne Sophie Waag und Sarah-Isabelle Behrens von Wikimedia Deutschland und die Pädagogin Nele Hirsch unterstützen die Gruppen bei Recherchen oder der Kontaktaufnahme zu Expert*innen, die für spezifische Themen und ihre Einschätzung dazu angefragt werden können.

“Mit Wikipedia unterwegs” in Kassel

Monday, 18 December 2023 10:52 UTC

Das Kennenlernen, oder: “Das Chaos wird durch sich selbst geordnet”

Dank gutem Bahn-Karma konnte das Wochenende pünktlich am Freitagabend mit einem gemeinsamen Abendessen starten. Am Buffet konnten die Community-Mitglieder erstmalig miteinander ins Gespräch kommen. Besonders an der Gruppe vor Ort war, dass nicht nur vier neue Freiwillige, sondern auch bereits Erfahrenere, die bereits seit einigen Jahren dabei sind, Kontakte zur Community knüpfen konnten. So betonte der User Cookroach, der sich bereits seit 2020 ehrenamtlich engagiert, wie wichtig der persönliche Kontakt mit anderen Community-Mitgliedern für ihn sei. Dadurch können Barrieren abgebaut werden, die oftmals durch eine rein virtuelle Kommunikation entstehen. Sein persönliches Fazit: “Jeden, den man hier in Kassel kennen gelernt hat, kann man in der Wikipedia dann auch anschreiben.” Diese gegenseitige Hilfe sei besonders im weiteren Verlauf der Ehrenamtsarbeit wichtig. Sobald die erste Begeisterung abflaut, kann gerade der Kontakt zur Community (und die Tipps und Tricks erfahrener User) die Motivation stärken, weiterzumachen.

Die nachfolgende Kennenlernrunde im Tagungsraum verlief recht typisch chaotisch, aber gleichzeitig strukturiert und vor allem herzlich: So gaben die “alten Hasen” nicht nur einen Überblick über ihre Interessengebiete und Fähigkeiten, sondern auch die ein oder andere Anekdote aus 20 Jahren Wikipedia zum Besten. Das inspirierte zum einen die neuen Community-Mitglieder, sorgte aber auch für Verunsicherung, gerade ob der zum Teil jahrzehntelangen Erfahrung: “Man nimmt die Community als Clique wahr, reinzukommen ist dementsprechend schwierig. Aber der Schein trügt,” hieß es beispielsweise. Diese Startschwierigkeiten konnten glücklicherweise durch die Aufgeschlossenheit der erfahrenen Community-Mitglieder aufgefangen werden, die sich als Ansprechpartner*innen für verschiedene Themen anboten.

Kulturprogramm mit grüner Soße

Ebenso gut gelang es am nächsten Tag durch gemeinsame Unternehmungen, das Eis weiter zu brechen. Am Samstagvormittag konnten die Teilnehmenden zwischen einem Besuch in der Grimmwelt und dem Museum für Sepulkralkultur wählen. Insbesondere im Museum für Sepulkralkultur nutzten einige Freiwillige die Möglichkeit, das mitgebrachte Fotoequipment – nach einer Einführung durch den User Stepro – auszuprobieren. So entstanden eine ganze Reihe an Fotos, die die Exponate der Dauerausstellung dokumentieren.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen konnten die Teilnehmer*innen sich entweder einer Stadtführung mit dem Freiwilligen Pretobras anschließen, dem Archiv der Deutschen Frauenbewegung einen Besuch abstatten oder in gemütlicher Runde im Hotel ausruhen und editieren. Im gut genutzten Tagungsraum wurden dann auch viele der am Vortag gesammelten Fragen gemeinsam beantwortet; keine Frage war zu trivial, um sie zu stellen. Vielmehr war die Stimmung allgemein sehr locker und herzlich, unabhängig davon, wer sich wie lange bereits engagiert. Und auch die “alten Hasen” konnten noch den einen oder anderen Tipp aufschnappen. Einzig der Mangel an Schokolade, dem wichtigsten “Treibstoff” für Wikipedianer*innen, musste leider beklagt werden (wir geloben Besserung).

Die Landung des Versuchsballons

Trotz dieses diplomatischen Faux-Pas fand die gute Laune keinen Abbruch, sodass auch am letzten Tag fleißig weiter das kulturelle Programm (ein Besuch im Ottoneum) genutzt und editiert wurde. Insbesondere die Schildbachsche Xylothek im Ottoneum, die noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag besaß, schien dabei das Interesse der Freiwilligen angeregt zu haben. Einen Abschluss fand der “Versuchsballon” von “Mit Wikipedia unterwegs” schließlich bei einem gemeinsamen Mittagessen.

Das Wochenende war für viele nicht nur lehrreich, sondern es hat auch sehr schnell ein Gefühl von Gemeinschaft geschaffen. Die Menschen hinter dem Bildschirm in entspannter Atmosphäre kennenzulernen, war daher für viele ein Highlight und etwas, von dem sie sich mehr wünschen, egal ob neu oder schon lange dabei. Auch das digitale Ehrenamt bedarf anscheinend des persönlichen Kontakts.

Wiki Loves Earth International

50 Länder haben in diesem Jahr bei Wiki Loves Earth mitgemacht. So viele wie noch nie zuvor. Insgesamt wurden dabei über 60.000 Fotos aus Natur- und Landschaftsschutzgebieten eingereicht. Im Dezember hat eine Jury die internationalen Gewinnerbilder in den Kategorien „Detailaufnahmen“ und „Landschaftsaufnahmen“ gekürt. Was uns besonders freut: Platz 4 und 7 gehen nach Deutschland an den Ehrenamtlichen Wikipedia-Fotografen Sven Damerow.

Die Gewinnerbilder international:

Wiki Loves Earth Deutschland

Von den 50 teilnehmenden Ländern waren die Ehrenamtlichen aus Deutschland besonders engagiert. Mit über 10.000 Fotos kamen die meisten Einreichungen aus der Bundesrepublik.

Die ersten Plätze aus Deutschland:

Wiki Loves Monuments Deutschland

In Deutschland gibt es rund eine Millionen Baudenkmäler. Viel Auswahl also, wenn es um passende Bildmotive für den Fotowettbewerb Wiki Loves Monuments geht. 16.000 Fotos unter freier Lizenz wurden in diesem Jahr allein aus Deutschland eingereicht

Neben Deutschland haben außerdem 45 weitere Länder bei Wiki Loves Monuments mitgemacht. Auf die schönsten Aufnahmen international müssen wir aber noch etwas warten. Die Jury kürt im Frühjahr 2024 die Gewinnerbilder. 

Die Top 5- Gewinnerbilder aus Deutschland:

Gemeinsame Preisverleihung in Berlin

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Im November fand in Berlin die Preisverleihung von Wiki Loves Monuments und Wiki Loves Earth Deutschland statt. Wikimedia Deutschland, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur ehrten die erstplatzierten Wiki-Fotograf*innen. Auch Gäste aus Politik, Wissenschaft und Kultur waren mit dabei. 

Das erwartet uns 2024

Auch im kommenden Jahr können wir uns wieder auf tolle Aufnahmen im Rahmen der Wiki-Fotowettbewerbe freuen: Im Mai findet die nächste Wiki Loves Earth-Wettbewerbsrunde statt, im September startet die neue Ausgabe von Wiki Loves Monuments. 

Und noch eine tolle Nachricht: Erstmals will die deutschsprachige Wiki-Community nächstes Jahr beim Fotowettbewerb Wiki Loves Folklore mitmachen und einen nationalen Wettbewerb für Deutschland ausrichten. Wenn der Plan umgesetzt wird, dann stehen im Februar und März Fotos vom klassischen Brauchtum bis hin zum immateriellen Kulturerbe im Mittelpunkt. 

So kommt mehr Wissen aus Afrika in die Wikipedia

Thursday, 7 December 2023 17:08 UTC

Mohammeds Beziehung zu Wikimedia-Projekten begann bereits während seines Studiums, als er zunächst bei Wikipedia mitschrieb. Als Community Communications Manager in der Softwareabteilung von Wikimedia Deutschland hat er diesen Herbst die WikiIndaba in Marokko besucht. Das ist eine Konferenz, die Wikimedia Community-Mitglieder und Interessierte zusammenbringt, um dem Wissen der Welt afrikabezogene Inhalte beizusteuern. Seit der ersten WikiIndaba 2014 in Südafrika gab es acht Wiederholungen in verschiedenen Ländern. Für Mohammed ist die Konferenz unverzichtbar, damit die afrikanische Community weiter wächst und gedeiht.

Hallo Mohammed! Warum ist es so wichtig, dass die afrikanischen Wikimedia-Projekte weiter wachsen?

Hi! Die aktive Beteiligung an Wikimedia-Projekten in Afrika begann erst vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, was eine erhebliche Wissenslücke geschaffen hat, an deren Schließung die Community-Mitglieder in der Region hart arbeiten. Über die Schließung dieser Lücken hinaus ist das Wachstum der Wikimedia-Projekte in Afrika von wesentlicher Bedeutung, um eine stärkere Vertretung afrikanischer Stimmen zu gewährleisten. Diese stärkere Vertretung soll zu einer genaueren Darstellung der afrikanischen Kulturen, Geschichten und Erzählungen auf der globalen Bühne führen. Darüber hinaus trägt eine breite Beteiligung von Menschen aus der Region dazu bei, Stereotype abzubauen: In der Vergangenheit wurden Informationen über Afrika oft von Nicht-Afrikaner*innen präsentiert, was zu falschen Vorstellungen führte.

Wenn du dich an deine Kinder bzw. Teenagertage zurückerinnerst: Wie war deine erste Begegnung mit dem Internet? 

Meine erste Begegnung fand wahrscheinlich auf dem Handy meiner Schwester statt, als ich ein Teenager war. Ich lud neue Hintergründe, Klingeltöne und Spiele herunter. Was mir am Internet gefiel, war die Möglichkeit, Informationen zu jedem Thema zu erhalten, was meine Neugierde anspornte. Das veranlasste mich auch dazu, Internetcafés zu besuchen, wo ich mir eine Yahoo E-Mail-Adresse einrichtete und während der Blütezeit von MySpace mit anderen in Kontakt trat. Das Internet wurde zu einem Tor zu Informationen und sozialen Kontakten. Schließlich kaufte meine Familie einen Desktop-Computer. Wahrscheinlich als Geheimplan, um mich im Haus zu halten. Nun, er hat funktioniert!

Wie bist du das erste Mal mit Wikipedia in Berührung gekommen?

Während meiner Zeit an der Universität in Ghana stieß ich auf ein Tool namens WikiTaxi, das es mir ermöglichte, eine Offline-Kopie von Wikipedia herunterzuladen und zu nutzen, ohne mich um einen Internetzugang und die damit verbundenen Kosten kümmern zu müssen. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie ich zu diesem Tool gekommen bin, aber es war wie ein Zauberstab für mich. Ich lernte, wie man diese Dumps herunterlädt und ich teilte sie mit meinen Mitbewohner*innen und Freund*innen.

Wie bist du dazu gekommen, dich ehrenamtlich an Wikimedia-Projekten zu beteiligen?

Alles begann, als ich nach Informationen zu Themen aus meiner Region suchte, z. B. über meine Heimatstadt Tamale oder lokale Persönlichkeiten. Die Erkenntnis, dass ich selbst zur Erstellung dieser Themen beitragen kann, markierte den Beginn meiner Reise mit Wikimedia-Projekten. Sie führte mich von meiner Rolle als Nutzer zu einem aktiven Freiwilligen über ein Community-Mitglied und schließlich zu einem Organisator. Nach und nach entdeckte ich die anderen Wikimedia-Projekte und trug ab 2013 auch zu Wikimedia Commons und Wikidata bei. Anfangs war Wikidata für mich nicht so richtig greifbar, sodass ich mich damit nur beiläufig beschäftigte. Erst seit 2016 erstelle ich ernstzunehmende Beiträge und bin ein begeisterter Wikidata-Editor.

Als du angefangen hast in der Wikipedia Artikel zu verfassen, gab es keine Texte in deiner Muttersprache Dagbani. Heute gibt es eine Dagbani-Wikipedia mit über 8.000 Artikeln – wie kam es dazu?

Als ich erkannte, dass Wikimedia-Projekte in verschiedenen Sprachversionen existieren, war ich entschlossen, dafür zu sorgen, dass meine Sprache, Dagbani, einen Platz unter ihnen bekommen sollte. In der Anfangsphase war es eine Herausforderung, Unterstützung für die Erstellung von Dagbani-Inhalten zu finden, und mehrere Jahre lang arbeitete ich allein.

Heute ist die Situation zum Glück eine andere: Mehr als 30 aktive Editor*innen tragen mit Dagbani-Inhalten zu den Wikimedia-Projekten bei. Neben den vielen Artikeln in der Dagbani-Wikipedia, gibt es über eine Million Wikidata-Elemente und Lexeme, die Dagbani-Text enthalten und eine große Anzahl von Medien auf Wikimedia Commons, die die Kultur und Gesellschaft der Dagbani darstellen. Dieses Wachstum zu sehen, erfüllt mich mit großem Stolz. Es spiegelt nicht nur mein persönliches Engagement wider, sondern auch das einer Community, die sich für den Erhalt und den Austausch unserer Sprache und Kultur auf globaler Ebene einsetzt.

Auf der diesjährigen WikiIndaba warst du einer der wenigen, der Wikidata und Lexeme vorgestellt hat. Kannst du die Projekte kurz erklären und warum sie wichtig sind?

Wikidata ist eine freie Wissensdatenbank, die auf Fakten und Referenzen basierend Daten zur Verfügung stellt, die von Menschen und Maschinen bearbeitet und wiederverwendet werden können. Man kann sich das als eine riesige magische Bibliothek vorstellen – sie enthält Informationen zu allem, was man sich vorstellen kann – von unserem/r Lieblings-Superheld*in bis zum höchsten Berg der Welt. Jeder Eintrag zu einem Thema oder Konzept ist wiederum mit weiteren Informationen verknüpft. Ein Beispiel: In unserer magischen Bibliothek besitzt der Kilimandscharo anhand dieser Verknüpfungen eine Art eigenes Buch, das mit einer eindeutigen ID ausgewiesen wird. Dieses Buch enthält alle Arten von Informationen über den Berg – z. B., dass er im Kilimandscharo-Nationalpark in Tansania steht oder sein höchster Punkt Mount Kibo heißt. Und wenn jemand neue Informationen hat, kann er oder sie diese einfach dem Buch hinzufügen.

Und was genau sind Lexeme?

Bis 2018 beschrieb Wikidata nur Themen und Konzepte. Jetzt umfasst es auch Phrasen und alle Wortarten einer Sprache. Diese werden als lexikografische Daten oder kurz Lexeme bezeichnet. Betrachten wir zur Veranschaulichung das deutsche Substantiv “Maus”: In Wikidata funktioniert das Lexem für “Maus” wie ein Container, der alle seine verschiedenen Formen wie “Maus” (Singular), “Mäuse” (Plural), Verwendungsbeispiele und mehr umfasst. Darüber hinaus umfasst dieses Lexem mehrere Bedeutungen des Wortes, wie z. B. das Tier oder das Computergerät.

Lexeme in Wikidata sind für die Erhaltung der sprachlichen Vielfalt von entscheidender Bedeutung. Diese Daten können Wikimedia-Projekte wie Wiktionary unterstützen, als Grundlage für die Entwicklung von digitalen Sprach-Tools dienen und zur linguistischen Forschung beitragen. Wikidata kann wiederum dabei helfen, die Komplexität der Welt zu modellieren und zu verstehen. Es bietet strukturierte Daten in zahlreichen Sprachen, die mit externen Ressourcen verbunden werden können, um verknüpfte offene Daten im Internet zu bilden. Außerdem erleichtert es die Zusammenarbeit zwischen Wikidata-Editor*innen in hunderten von Sprachen, wovon vor allem die weniger vertretenen Communitys profitieren.

Wenn du die Situation der Wikimedia-Projekte und den Zugang zu Freiem Wissen in Ghana heute mit der Zeit vergleichst, als du ein Teenager warst – was hat sich verändert?

Das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich an Wikimedia-Projekten und Initiativen für Freies Wissen zu beteiligen, sind deutlich gestiegen. Besonders hervorzuheben ist, dass es eine bemerkenswerte Verschiebung hin zu einer aktiven Beteiligung an der Produktion Freien Wissens gibt, anstatt nur passiv zu konsumieren. Trotz der strukturellen Herausforderungen in der Region, mit denen Editor*innen und Organisator*innen zu kämpfen haben, tragen immer mehr Menschen zum Reichtum des im Internet verfügbaren Freien Wissens bei.

Was sollte sich deiner Meinung nach noch ändern und wo ist der Zugang zu Freiem Wissen in Gefahr? Sowohl in Ghana als auch in Deutschland?

In Ghana unternimmt die Regierung Anstrengungen, um Initiativen für den freien Zugang zu Wissen zu fördern. Das aktive Engagement in diesen Initiativen betrifft jedoch hauptsächlich die jüngere Bevölkerung. In Deutschland hingegen scheint sich bisher eher die ältere Generation von den Initiativen für Freies Wissen angesprochen zu fühlen.

Idealerweise ist in beiden Regionen ein umfassenderer Ansatz erforderlich, bei dem Menschen aller Altersgruppen aktiv zu Freiem Wissen beitragen. Dieser Ansatz würde die Landschaft bereichern, indem er verschiedene Stimmen und Perspektiven einbringt. Der gemeinsame Austausch von Erkenntnissen zwischen Ghana und Deutschland kann beispielsweise dazu beitragen, einen integrativen und generationenübergreifenden Ansatz zu finden.

Wir bedanken uns für die Einblicke und das interessante Gespräch!

Neben weiteren Beiträgen aus afrikanischen Ländern, gibt es natürlich noch viel mehr, was die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte bereichern könnte. Wer noch Wissenslücken entdeckt, ist herzlich willkommen, den ersten Beitrag dafür zu verfassen oder einfach nur eine fehlende Information zu ergänzen. Hier geht’s zum Mitmachen bei Wikipedia und bei Wikidata. Wir freuen uns auf euch!

Wie kommt das Gemeinwohl in das Dateninstitut?

Wednesday, 6 December 2023 11:57 UTC

Obwohl beim Digitalgipfel üblicherweise Frontalformate dominiert haben, ging es in diesem Jahr vermehrt in den Austausch. Im Zentrum des Wikimedia-Workshops stand das Dateninstitut und die Use Cases (Anwendungsfälle), die es durchführen soll. Das sind Datenprojekte, in denen in der Umsetzung offene Fragen rund um Daten für den Einzelfall geklärt werden, um damit Impulse und Erkenntnisse für weitere Projekte zu liefernaus denen abgeleitet werden soll, welche Bedarfe es im Bereich der Datennutzung und des Datenteilens gibt. Die Leitfragen für den Workshop ergaben sich aus den von Wikimedia Deutschland entwickelten acht Anforderungen für gemeinwohlorientierte Digitalpolitik. Ein für den wirtschaftslastigen Gipfel eher ungewöhnlicher Fokus – der beim Dateninstitut aber sehr nahe liegt. Schließlich handelt es sich um ein öffentlich finanziertes Projekt, das über Anwendungsfälle explizit das Gemeinwohl durch Daten fördern soll. Die Teilnehmende haben in fünf Gruppen zu verschiedenen Teilfragen gearbeitet:

Transparenz und Austausch

Ökologische Nachhaltigkeit

Offenheit und Nachnutzung

Diskriminierung und Befähigung

Langfristigkeit und Erneuerung

Transparenz und Austausch

Zwei wesentliche Faktoren zur Stärkung des Gemeinwohls sind Transparenz und Beteiligung. Zur Frage, wie transparent das Dateninstitut über die Auswahl und den Stand der Use Cases kommunizieren muss und wie ein Austausch auf Augenhöhe gelingen kann, gab es eine Vielzahl von Ideen.

Gezielte Einbindung

Das Dateninstitut sollte gezielt zivilgesellschaftliche, nicht kommerzielle und Akteure aus der Sozialwirtschaft ansprechen. Das Ziel sollte ein nachhaltiger Austausch mit einer Community sein, die auch die Durchführung und Evaluation der Use Cases begleitet. Ein diverser und repräsentativer Beirat könnte das Dateninstitut beraten und mit gesellschaftlichen Akteuren vernetzen.

Kommunikation in zwei Richtungen

Um den gesellschaftlichen Mehrwert zu verdeutlichen, könnte das Dateninstitut auch nicht digitalaffine gesellschaftliche Akteure adressieren – etwa bei einer Roadshow. Auch eine digitale Plattform kann dafür nützlich sein. Sie würde Interaktion und Feedback zu Anwendungsfällen ermöglichen.

Ökologische Nachhaltigkeit

In der Diskussion darum, welche Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit für die Use Cases berücksichtigt werden müssen, kristallisierten sich schnell zwei Grundsatzüberlegungen heraus.

Nachhaltigkeit als Kernziel von Use Cases

Use Cases können ökologische Nachhaltigkeit als explizites Ziel haben – etwa durch Daten zur kommunalen Wärmeplanung oder Ressourceneffizienz. Einige Teilnehmende hinterfragten, ob Daten für mehr Nachhaltigkeit immer ein wichtiger Hebel für mehr Gemeinwohl seien. Wenn das Dateninstitut durch einen Use Case etwa den aktuellen Datenmangel beim Thema Bildung verringern kann, könnte möglicherweise eine stärkere Gemeinwohlwirkung zu erzielen sein.

Nachhaltigkeit als Querschnittsthema

Viele Diskussionen kreisten um die Frage, wie Anwendungsfälle sektorübergreifend Nachhaltigkeit sicherstellen könnten. Hierzu zählen ressourcenschonende Datenerhebungen (z.B. die Wiederverwendung existierender Datenquellen anstelle von redundanten Erhebungen), ressourcenschonendes Datenhosting und die Wiederverwendbarkeit der vom Dateninstitut verwendeten Daten. Für die Auswahl könnte dann eine Rolle spielen, ob ein Anwendungsfall solche Ansprüche erfüllt. Tut er dies nicht, wäre das ein Minuspunkt in der Bewertung. Auf jeden Fall könnte das Dateninstitut eine Folgenabschätzung über Nachhaltigkeit und andere Externalitäten bei der Auswahl von Anwendungsfällen verlangen, um diese in der Auswahl einfließen zu lassen.

Offenheit und Nachnutzung

Eine der acht Bedingungen für gemeinwohlfördernde digitale Projekte besteht in ihrer Offenheit und damit der Möglichkeit, ihre Ergebnisse nachnutzen zu können. Für die Diskussion um die Use Cases bedeutete dies: In welcher Form müssen sie offen sein und wodurch kann ihre Nachnutzbarkeit gesichert werden? Die Ideen bezogen sich primär auf die praktische Durchführung der Anwendungsfälle und nur sekundär auf Auswahlkriterien. Die Wiederverwendbarkeit der Methodik und Ergebnisse kann auch ein hartes Kriterium für die Auswahl von Anwendungsfällen sein.

Offenheit für und Nachnutzung durch wen

Bei der Auswahl der Anwendungsfälle sollte eine Prognose stattfinden, wem die Offenheit und Nachnutzung zugutekommen. Dem Gemeinwohl ist dann gedient, wenn dies zuerst öffentliche oder gesellschaftliche Akteur*innen sind und nicht exklusiv oder vorrangig private.

Standardlizenzen, APIs und Metadaten

Bei der Durchführung von Use Cases sind Offenheit und Nachnutzbarkeit dann gewährleistet, wenn ein möglichst großer Teil der technischen Umsetzung auf möglichst anknüpfungsfähiger Infrastruktur erfolgt (wie international anerkannten Lizenzen, öffentlich zugänglichen APIs) und auf den FAIR-Kriterien (findable, accessible, interoperable, re-usable) beruht.

Begleitende Evaluation und Optimierung

Das Dateninstitut sollte auch während der Umsetzung von Anwendungsfällen beobachten, ob sie die erhoffte Wirkung erzielen oder ob ein Abbruch auch vor Abschluss angeraten ist. Dabei sollte der Erkenntnisgewinn im Mittelpunkt stehen, nicht Erfolgsdruck für einzelne Anwendungsfälle.

Diskriminierung und Befähigung

Um das Gemeinwohl auch im digitalen Raum und durch digitale Projekte zu stärken, müssen diese diskriminierungsfrei sein und die Befähigung stärken. Eine der Leitfragen im Workshop lautete daher: Wie muss in den Use Cases Diskriminierungsfreiheit gewährleistet sein und wie können sie dazu beitragen, unterrepräsentierte Gruppen zu stärken? In der Diskussion standen vor allem drei Aspekte im Zentrum.

Mehrwert für unterrepräsentierte Gruppen

Bei der Auswahl der Anwendungsfälle sollte das Dateninstitut abschätzen und herausarbeiten, inwiefern und welche benachteiligten Gruppen dadurch einen Mehrwert erhalten sollen.

Offenheit von Daten

Die Daten aus den Use Cases sollten offen sein. Denn offene Daten ermöglichen es festzustellen, welche Daten fehlen, welche Gruppen daher beispielsweise unterrepräsentiert sind und diskriminiert werden können.

Ansprache von Unterrepräsentierten Gruppen

Das Dateninstitut sollte einen besonderen Fokus darauf legen, schlecht repräsentierte Gruppen gut einzubinden. Das kann zum Beispiel über eine bewusste Auswahl von Sprache, Tonalität, Medium oder über Vertrauensnetzwerke gelingen.

Langfristigkeit und Erneuerung

Was dem Gemeinwohl dient, steht nicht überzeitlich fest. Damit digitale Projekte ihre Gemeinwohlwirkung langfristig entfalten können, braucht es Mechanismen zur fortwährenden Verbesserung. Wie diese aussehen können,  wurde teilweise kontrovers diskutiert:

Gemeinwohlrendite

Ein Vorschlag lautete, dass das Dateninstitut die Verwendung von Daten aus Use Cases an Bedingungen knüpfen könnte – zumindest wenn etwa gewinnorientierte Akteursgruppen sie nutzen wollen. Eine Bedingungen könnte sein, dass mit den Daten generierte neue Daten oder Erkenntnisse an das Dateninstitut zurückfließen müssen. Das entspricht nicht dem Open-Data-Ansatz. Es würde dem Dateninstitut aber neue Datenquellen erschließen. Eine Lizenz für die Datennutzung wurde diskutiert, mit der man für verschiedene Akteure verschiedene Nutzungsbedingungen festlegen könnte.

Datensammeln für das Gemeinwohl

Datenerhebung, wenn diese in offenen Daten mündet, könnte als gemeinnützige Tätigkeit anerkannt werden. So könnten die Kosten von Datenerhebungen für das Gemeinwohl gesenkt und mehr Daten offen verfügbar werden.

Förderung für nicht ausreichend rentable Projekte

Das Dateninstitut könnte zudem gemeinwohlorientierte Anwendungsfälle auswählen. Das können Use Cases sein,bei denen zwar von manchen Beteiligten Geld fließt, aber nicht genug, um die Kosten zu decken.

Reflexion erfordern

In jedem Fall sollte das Dateninstitut von denjenigen, die Anwendungsfälle vorschlagen oder ausarbeiten, erfordern, dass sie Überlegungen über die Gemeinwohlorientierung anstellen und offenlegen.

Der Workshop zu den Auswahlkriterien der Use Cases für das Dateninstitut kann ein Baustein auf dem Weg zu Gemeinwohlstärkung durch das Institut sein. Doch der Kreis derer, die zum Digital-Gipfel eingeladen werden, ist exklusiv und nicht repräsentativ – zu ihm gehörten kaum benachteiligte Gruppen. Daher ist dringend eine weitere und vor allem diversere Beteiligung notwendig, um die Gemeinwohlorientierung im Dateninstitut zu verankern. Erfreulich war, dass die für das Dateninstitut verantwortlichen Ministerien, das Innen- und das Wirtschaftsministerium, den Workshop mit geleitet und daran aktiv teilgenommen haben und die Ergebnisse in den weiteren Aufbau des Dateninstituts mitnehmen.

Übergreifend machte der Workshop deutlich, dass Ideen für eine Verankerung von Gemeinwohl vor allem die Ausgestaltung von Anwendungsfällen betreffen. Bei der Auswahl können sie vor allem insofern eine Rolle spielen, indem das Dateninstitut die verschiedenen Dimensionen abschätzen kann, um zu beurteilen, bei welchen Anwendungsfällen eine gemeinwohlorientierte Umsetzung gut möglich ist.

Seit 2019 veröffentlicht Terra X ausgewählte Erklärclips unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Die Entstehungsgeschichte der Alpen, der Einfluss des Mondes auf die Erde oder die Bauweise des DDR-Autos Trabant sind nur drei Beispiele für die Themenvielfalt der fast 400 hochwertig produzierten Videos. Sie sind dank freier Lizenz  bereits für alle Menschen frei nachnutzbar geworden – und stehen auch auf Wikimedia Commons. Die allermeisten von ihnen haben ihren Weg von dort in mindestens einen Wikipedia-Artikel gefunden. So verzeichnen diese Videos mittlerweile insgesamt sage und schreibe fast 100 Millionen Aufrufe auf Wikimedia Commons. Möglich gemacht wird dies vor allem durch die Ehrenamtlichen von Wiki Loves Broadcast, die Inhalte sichten und geeignete Clips in die Wikipedia bringen und so gemeinsam mit Wikimedia Deutschland den Grundstein für eine gelungene Kooperation legen. Kürzlich war Wiki Loves Broadcast zum wiederholten Mal zu Gast beim ZDF in Mainz, um diese Kooperation zu besprechen und in eine erfolgreiche Zukunft zu tragen.

Was wissen wir über die Nutzung der Terra X Videos?

Beim Workshop ging es dieses Mal unter anderem um die Frage der Nutzungsstatistiken. Wikimedia Commons trackt seine Nutzenden nicht und erhebt nur rudimentärste Analysezahlen, sprich die Anzahl der Klicks auf einzelne Mediendateien. Doch auch so sind einige interessante Schlüsse möglich wie zum Beispiel:

  1. Die Videos werden über 3.4 Millionen Mal im Monat aufgerufen.
  2. „Taj-Mahal – Mausoleum der Liebe” ist der beliebteste Clip mit fast 5 Millionen. Aufrufen. Er ist in der deutschen, englischen, indonesischen, biharischen, bosnischen und maltesischen Wikipedia eingebaut.
  3. Die Aufrufe pro Video bleiben ziemlich konstant über die Zeit. Die Videos haben somit einen Long-Tail, das heißt, die Nutzung verflacht nicht.
  4. Die Terra X Videos sind in vielen Sprachen beliebt, denn sie sind bisher in insgesamt 154 verschiedene Wikipedia-Sprachversionen eingebaut worden. Deutsch ist aber die mit großem Abstand dominante Sprachversion, wenn es um die Integration in Wikipedia-Artikel geht.
  5. Die Kategorie „Geschichte”, gefolgt von „Biologie & Umwelt”, funktioniert am besten.

Wie geht es weiter?

Neben einer Evaluierung zum Stand des Projektes Wiki Loves Broadcast ging es auch um eine angedachte Internationalisierung und die (überwiegend positive) Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Durch einen Vortrag auf der Wikimania in Singapur wurde bereits ein wichtiger Schritt gemacht, um Wikipedia-Ehrenamtliche aus anderen Ländern für Kooperationsprojekte mit öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu gewinnen. Auch ein mögliches, gemeinsames CC-YouTube-Format und die Entwicklungen bei weiteren Sendern in Deutschland und darüber hinaus, die sich vom Erfolg der Projekte mit Terra X und auch der tagesschau, haben inspirieren lassen, wurde besprochen.

Vor diesem Hintergrund gab es auch die Möglichkeit, sich mit anderen Redaktionen und Abteilungen im ZDF über mögliche Freigabemodi auszutauschen. Dabei ging es unter anderem um die Veränderung von internen Workflows und die Rechteklärung für die Veröffentlichung von Pressefotos unter CC-Lizenz und das Herantasten an neue Pilotprojekte.

Bei der Zusammenarbeit mit ZDF/Terra X schätzen wir die Offenheit und den Kooperationswillen. Durch die freie Lizenzierung haben wir ein hohes Potenzial für die bereits frei verfügbaren Clips entfalten können. Das positive Feedback der Community spricht für die Qualität der Clips.
Tim Beckert, Wiki Loves Broadcast

Die Folgen der Digitalisierung

Ein Vortrag des Ehrenamtlichen Kevin Golde (in ähnlicher Form auch auf der WikiCon in Linz gehalten) über die Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz für die Wikipedia rundete den Termin ab. Sein Fazit: Wikipedia muss sich weiterentwickeln, damit das freie Wissen überlebt. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter dem Druck, sich konstant weiterzuentwickeln und sich an die Folgen der Digitalisierung anzupassen. Die Wikipedia kann dabei eine wichtige Partnerin sein. Vereint in der Verpflichtung zum Gemeinwohl, dem Einsatz für verlässliche Informationen, die möglichst viele Menschen erreichen können, und in der Legitimitätsgrundlage jenseits von Profitlogiken, ist die Kooperation mit Terra X jedenfalls eine ganz besondere für die Wikipedia-Community und Wikimedia Deutschland.

Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

Monday, 12 September 2022 20:02 UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

Monday, 18 July 2022 17:15 UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

WikiPRedia

Tuesday, 23 November 2021 17:31 UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

Allein mit der Madonna zum Hasen

Thursday, 30 September 2021 19:49 UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

Friday, 20 August 2021 21:03 UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

Tuesday, 17 August 2021 08:28 UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


Berlin celebrates old school #wikipedia15

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

Die Verschwundenen

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

Friday, 16 April 2021 21:38 UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

Friday, 16 April 2021 21:11 UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

Friday, 26 March 2021 09:39 UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

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Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.

Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

Thursday, 7 January 2021 17:31 UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International